Die Bild- Zeitung verdient ein Millionenvermögen mit täglichen Kleinanzeigen dieser Art: "Hose auf! Ich stöhne für Dich, solange Du es brauchst." Bild ist das Geschlechtsteil der deutschen Massenmedien.

Dass die Gazette kraft ihrer 3,8 Millionen Käufer auch eine politische Macht ist, verdankt sie der falschen Vermutung vieler Berufspolitiker, Bild gebe Volkes Stimme wieder. Doch hier spricht lediglich der Gesamtkleinbürger, der in allerlei Nachrichtenplunder Aufklärung simuliert. Dabei zählt das Blatt im Halbschlaf nur die wechselnden Stimmungen, die gleich Schafswölkchen über die deutsche Gemütslandschaft ziehen.

Die ursprüngliche Mythos von der Macht der Massenmedien stammt aus den sechziger Jahren, da jene Masse vom linken Zeitgeist noch als revolutionäres, wenngleich durch die Morgenlektüre irregeführtes "Subjekt" missverstanden wurde. In der Bild- Zeitung entdeckte die Apo die Quelle des "falschen Bewußtseins".

Die Apo verschwand, doch die Bild- Zeitung und ihr Ruf, eine politische Einflussgröße zu sein, blieben erhalten. Willy Brandt verkaufte dem Springer-Verlag seine Memoiren, Helmut Schmidt nahm Bild ernst, Helmut Kohl mischte sich in die Ernennung der Chefredakteure ein, und Gerhard Schröder brachte seine hohe Einschätzung der Billigzeitung auf die Formel, für ihn zählten "Bild und Glotze". Aus der anfangs imaginierten Einflussmacht dieser Medien wurde langsam Wirklichkeit.

Werbewirksame Einschaltquoten und Auflagehöhen, also rein wirtschaftliche Faktoren, wurden zu Determinanten des politischen Prozesses, weil die Politiker ihre selbst verursachte Entmachtung durch die Massenmedien akzeptierten, mehr noch: weil sie paradoxerweise glaubten, in ihnen Verbündete im Kampf um die Macht zu finden. Ein Auftritt bei Sabine Christiansen oder ein Zitat in Bild gelten inzwischen als politischer Existenznachweis im eigenen Wahlkreis.

Doch eine der unvorhergesehenen Folgen dieser Mesalliance zwischen Politik und Massenmedien ist die offenkundige Verachtung, die zurzeit den Politikern nicht nur aus der Bild- Zeitung entgegenschlägt. Für manche der heute 35- bis 40-jährigen Redakteure sind die Demokratie, ihre Institutionen und Repräsentanten so selbstverständlich wie die Verspätungen der Bundesbahn. In ihrem Zorn machen sie keinen Unterschied. Maßstäbe von Anstand im Umgang mit demokratisch gewählten Politikern sind nicht verrutscht, sondern ziemlich unbekannt. Die Verletzung des Persönlichkeitsrechts ganz normaler Bürger hingegen gehört schon längst zum Stil von Bild . Er scheint ansteckend zu sein.

Als ein 52-jähriger, womöglich geistig verwirrter Mann am 19. Mai den Bundeskanzler bei einer Parteiversammlung in Mannheim ohrfeigte, offenbarte sich eine nicht minder große Verwirrung des zeitgenössischen Journalismus. Spiegel und stern widmeten dem Schläger mehrere Seiten (",Die Ohrfeige war optimal‘, sagt er jetzt." Und: "Lieber jetzt ’ne Ohrfeige als später ’ne Bombe"). Spiegel TV ließ den Mann die Attacke nachspielen. Bild am Sonntag zitierte ihn: "Ich habe das getan, was viele Menschen derzeit empfinden. Fragen Sie doch ihre Leser." Focus assistierte mit seltsam anonymen Beifallsbekundungen aus dem Volk: "Fast jeder hier in der Gegend kann seine Tat nachvollziehen." Die Welt versuchte sich in Ironie: "Anlässe, einem Politiker eine zu scheuern, gibt es, aufs Ganze gesehen, vermutlich mehr als in den besten Familien vorkommen." Alle Texte offenbaren eine klammheimliche Freude – wie einst das verständnisvolle Nicken aufseiten der Linken, als Beate Klarsfeld dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Kiesinger ins Gesicht schlug.