Dass ich lesen gelernt habe, ist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Meine Mutter hat mich schon sehr früh ermutigt, Gedichte zu lesen. Wir lebten damals in Cochabamba, Bolivien, und ich war fünf oder sechs, als meine persönliche Welt durch Abenteuerbücher auf einmal ins Unermessliche wuchs. Bis heute erinnere ich die Helden meiner Bücher in leuchtenden Farben; viel mehr als meine Schulkameraden und Freunde, die mich damals umgaben. Es ist verrückt, wie viel mehr Fiktion als Realität ich behalten habe.

In meinem Traum sitze ich in einer Bibliothek, umgeben von Büchern aller Zeiten und in verschiedensten Sprachen. Die Einrichtung – dunkles Holz und Marmor – erinnert an den ehemaligen Leseraum der British Library aus dem 18. Jahrhundert. Ein wunderbarer Raum, in dem ich Hunderte von Stunden verbracht habe und wahrscheinlich glücklicher war als irgendwo sonst. Ein Ort, an dem die Vergangenheit ebenso greifbar ist wie die Gegenwart.

Ich träume, dass ich alle Bücher in ihren Originalsprachen lese, und unternehme eine fantastische Reise durch die Welt der Literatur. Ich studiere sie fieberhaft und führe ein außerordentlich reiches intellektuelles Leben, inspiriert von Literatur, weil diese für mich die aufregendsten Aspekte der menschlichen Natur enthält.

Doch in der Bibliothek verbringe ich nur einige Stunden am Tag. Die andere Hälfte meiner erträumten Existenz findet außerhalb statt: in den staubigen Straßen der Großstadt. Ich gucke Filme über Filme, sitze stundenlang in Cafés und inhaliere alles mit der gleichen brennenden Neugier: Nachrichten, Musik, Politik, Geschichte, Kultur, Sport, Börseninformationen, Technik, Wissenschaften. Unerwartetes, Menschliches, Übermenschliches. In meinem Traum bin ich zwischen 20 und 60. Schließlich kann man sich mit den modernen Errungenschaften der Wissenschaft heute noch als 60-jähriger Mann jung fühlen.

Die Unterwelt mit ihren Dämonen zieht mich magisch an. Gute Menschen sind aus schriftstellerischer Sicht uninteressant. Das Unvorhersehbare, Gefährliche und Mysteriöse, von dem wir uns bedroht fühlen, erzeugt Literatur. Aus der persönlichen Konfrontation mit den dunklen Mächten speist sich meine Fantasie. Als der ungezogene Junge, der ich schon immer war, werde ich vom Chronisten zum Mittäter ihrer Konspirationen und schmutzigen Geschäfte. Meine Rechtfertigung lautet: Ich werde meine Erfahrungen zu Literatur verarbeiten. Sollte ein gutes Werk daraus entstehen, möge mir vergeben werden.

Die beiden Säulen, auf denen mein Leben im Traum beruht, sind Liebe und Freundschaft – unabdingbar, um ein reiches, belohnendes Leben zu führen. Im Traum habe ich Freunde aus allen Schichten, Glaubensrichtungen und Kulturen. Kaum Intellektuelle, nur wenige Autoren. Stattdessen Angestellte, Lehrer. Menschen, die besonders aufgeweckt sind und eine Sensibilität für Ideen, für Bücher und soziale Belange mitbringen, Buddhisten, Atheisten, Afrikanern, Chinesen.

Mein Traum spielt sich in einer Welt ab, in der Grenzen praktisch komplett verschwunden sind. Eine Welt mit einer faszinierenden Mischung aus Kulturen, deren Eigenheiten allseits begrüßt werden. Grenzen sind für mich die absurdeste Erfindung in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn es mir nicht gelungen ist, so viele Sprachen zu beherrschen, wie ich mir wünschte, und ich nicht an allen Plätzen dieser Welt leben kann, habe ich es zumindest geschafft, mich in gewisser Weise zu denationalisieren und damit eine Winzigkeit zur Idee einer grenzenlosen Welt beizutragen.