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Es ist Freitagabend. In der Szóda-Bar dröhnt Rockmusik aus den Lautsprechern, am Tresen stehen dicht gedrängt junge Männer und Frauen, die Caipirinhas trinken oder Bier. Die Bedienung kommt kaum durch, um die Bestellungen an die Tische zu bringen. Hinter der Theke läuft David auf und ab, gießt hier ein Glas Wein ein, schüttelt dort einen Cocktail, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und einer freundlichen Aufmunterung für seine Mitarbeiter, die unter Strom zu stehen scheinen. Die Szóda-Bar ist in.

Vor einem Jahr hat David das Lokal eröffnet. Ein unternehmerisches Wagnis, Budapest ist nicht arm an Nachtlokalen. Doch das Szóda ist etwas Besonderes. Es ist ein jüdisches Lokal. Man merkt es nicht, man muss es wissen. Es liegt in der Wesselényi utca, einer Straße im einstigen jüdischen Ghetto, nur einen Katzensprung entfernt von der größten Synagoge Europas, dem Tabaktempel. Auch die Speise- und Getränkekarte des Szódas enthält keinerlei Hinweise auf den jüdischen Charakter des Lokals. Es gibt alles, was es überall sonst auch gibt. Was also ist so jüdisch an dem Lokal? Nirgends ein Mann mit Kippa zu sehen, kein Kaftan, keine Schläfenlocken.

Es ist Freitagabend, also Sabbat. Fromme Juden gehen grundsätzlich nicht in solche Kneipen, und am Sabbat schon gar nicht. "Da draußen", sagt David, "da gehen gerade zwei, sind wahrscheinlich vom Sabbat-Diner unterwegs nach Hause." Tatsächlich, zwei schwarz gekleidete, bärtige Männer mit großen Hüten eilen vorbei, schauen dabei jedoch intensiv durch die Fenster in das Lokal. "Die ärgern sich, dass hier Juden Spaß haben, anstatt den Sabbat zu heiligen", meint der junge Barbesitzer mit den dunklen Augen und der Glatze und lacht. Sein Schädel glänzt vor Schweiß, es ist unerträglich heiß und so laut, dass man in dem Gedränge und Getöse kaum sein eigenes Wort versteht. Was ist denn nun so jüdisch an seinem Lokal? "Ich natürlich – und die Gäste!"

Rund 80 Prozent seien Juden, erklärt David, der sie alle kennt. "Hier wirst du nach ein paar Bieren oder Schnäpsen keine Hasstiraden auf Juden hören wie fast überall in Budapest." Jetzt lacht David nicht mehr. Zwei Frauen, die mehr Haut als Stoff zeigen und lässig an der Bar lehnen, nicken. Auch György, ein lockenköpfiger Brillenträger, der Davids letzten Satz mitgehört hat, stimmt heftig zu. "Hier sind wir unter uns, hier werden wir nicht angemacht." Hier, heißt das, müssen sie sich nicht anhören, sie, die reichen, die "stinkenden Juden", nähmen den Ungarn alles weg. Insofern ist die Szóda-Bar für junge Juden das, was eine einschlägige Kneipe für Schwule ist: ein Ort, der einen unter sich sein lässt, der einem Schutz gewährt – aber eben doch ein Ort, von dem jeder weiß, was für Leute da verkehren. David stimmt zu: "Natürlich weiß hier jeder, dass wir Juden sind. Das stört uns auch nicht. Wir schämen uns nicht, Juden zu sein. Wir wollen nur unsere Ruhe."

Damit diese Ruhe auch wirklich garantiert ist, stehen draußen am Eingang ein paar Typen in schwarzen Lederjacken herum, denen man ansieht, dass sie die meiste Zeit im Fitness-Studio zubringen. Sie sind nicht als Türsteher angestellt, die darauf achten, dass nur die "richtigen" Leute in das Lokal kommen. Sie sollen es vor Leuten schützen, denen ein jüdisches Lokal ein Dorn im Auge ist. "Von denen", sagt David, "gibt es genug in Ungarn." Meist sind es junge, adrett gekleidete, nicht aus sozial benachteiligten Schichten kommende Männer, die alle "nichtmagyarischen Elemente" aus Ungarn vertreiben wollen, notfalls auch mit Gewalt. Und wieder nicken alle um David herum. "Aber das stört uns nicht im geringsten. Wir haben sogar eine Mesusa an der Eingangstür." Eine Mesusa, das ist eine kleine Kapsel mit Passagen aus der Thora, die nach dem Religionsgesetz an jeder jüdischen Tür angebracht werden muss. Und tatsächlich, es gibt eine solche Kapsel, doch sie ist so versteckt angebracht, dass man sie kaum entdeckt. Dieses Versteckspiel scheint typisch für ungarische Juden, von denen heute 100.000 in Ungarn leben, die meisten von ihnen in Budapest.

Nach Frankreich, England und Deutschland hat Ungarn die viertgrößte jüdische Gemeinde in Europa. Nur 15.000 sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die große Mehrheit zieht es bislang vor, sich öffentlich nicht zu outen. Rund eine Million Juden lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in Ungarn, 600.000 von ihnen fanden den Tod in den Gaskammern der Nazis. Diejenigen, die überlebten, keine Kommunisten waren und das Land nicht verlassen konnten, lernten schnell, wie man sich im kommunistischen Ungarn zu verhalten hat. Man behielt seine jüdische Identität am besten für sich. Das war besser und sicherer. Die antijüdischen Schauprozesse der Stalin-Ära hatten den Juden auch in Ungarn rasch klargemacht, was zu tun war. Man änderte seinen Namen, hielt sich von den Synagogen fern und bemühte sich, ganz in der ungarischen Gesellschaft aufzugehen. So hatten es die meisten bereits vor dem Krieg getan. Nirgends in Europa, mit Ausnahme Deutschlands, lebten Juden so assimiliert wie in Ungarn. Es war kein Wunder, dass selbst nach dem Holocaust die meisten nur wenig über jüdischen Glauben oder jüdische Kultur wussten – und sie legten unter den veränderten, aber nicht verbesserten politischen Bedingungen nach 1945 auch keinen Wert darauf.

Als Anfang der neunziger Jahre Juden nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes das erste Mal nach Israel reisen durften, war David einer von ihnen. Er machte dort Abitur, erwarb die israelische Staatsbürgerschaft, war fünf Jahre in der Armee, dazu überzeugter Zionist. Nach zehn Jahren beschloss er, zurückzukommen, weil Ungarn sein Geburtsland ist, seine Heimat, weil Ungarisch seine Muttersprache ist und die wirtschaftlichen Bedingungen in Israel für ihn immer schlechter wurden. Als er sich vor einem Jahr entschied, im jüdischen Viertel sein Lokal zu eröffnen, bestürmten ihn die Funktionäre der Gemeinde, dies nicht zu tun. Das gebe nur Ärger. "Ein Rabbiner wollte mich überreden, dass ich wenigstens am Sabbat den Laden zulassen soll, doch ich lehnte ab", erinnert sich David und gießt sich einen Drink ein. "Ich versuchte ihm klarzumachen, dass es doch besser sei, wenn Juden, die nicht religiös sind, auch einen Ort haben, an dem sie sich Freitagabend treffen und zusammensein könnten." Der 30-Jährige wendet sich ab, denn die rothaarige Adrienne hat sich an seine Seite geschlängelt und umarmt ihn stürmisch. Sie ist soeben mit ihren Freundinnen Edina und Eszter gekommen.