die zeit: Man hat manchmal den Eindruck, es falle Muslimen schwer, sich von Terroranschlägen zu distanzieren, die in ihrem Namen begangen werden. Wo bleibt der Aufstand der Anständigen unter den Muslimen?

Rıdvan Çakir: Es stimmt nicht, dass wir uns spät oder zögernd von Terroristen distanzieren, zumindest nicht für unsere Organisation! Wir haben die Anschläge von New York, Istanbul und Madrid sofort und mit klaren Worten verurteilt – übrigens auf Deutsch und auf Türkisch. Allerdings ist das von den deutschen Medien nicht transportiert worden. Nach einem der Anschläge kam einmal ein Kamerateam in eine unserer Moscheen und hat eine Predigt gegen die Terroristen gefilmt. Später im Fernsehen wurden Bilder aus einer ganz anderen Moschee gezeigt, wo etwas ganz anderes gepredigt wurde. Ich will deutlich sagen: Muslime trauern immer, wenn Unschuldige zu Tode kommen. Im Mittelpunkt des Islams steht der Mensch. Und wenn einem Menschen Schaden zugefügt wird, ist das ein Schaden für die ganze Menschheit.

zeit: Trotzdem berufen sich Terroristen auf den Koran.

Çakir: Wenn im Namen des Islams Blut vergossen wird, geht das nur, wenn er von irgendwelchen Leuten seines Kerns beraubt und für politische Zwecke missbraucht wird. Würde ausschließlich der wahre Islam gelebt, könnte es diese Gewalttaten nicht geben. Wenn Sie zurückgehen in die Zeit des Propheten: Der Stadtstaat, den er in Medina gegründet hat, war ein im Grunde demokratischer Staat. Die Entscheidungen wurden vom Propheten mit seinen Weggefährten debattiert und gemeinsam getroffen…

zeit: …das waren keine gewählten Autoritäten!

Çakir: Es war eine Variante der Demokratie für die damalige Zeit. Gewählte Autoritäten waren nicht notwendig, weil sich alle Muslime direkt an den Entscheidungen beteiligten. Übrigens hatten damals Nichtmuslime dieselben Rechte wie Muslime. Selbst wenn jemand bei einem jüdischen Stamm Asyl suchte, der einen Schutzvertrag mit Medina abgeschlossen hatte, durfte er nicht angetastet werden. Denn der Staat hatte das Leben, das Eigentum, die Religion und die Ehre aller Einwohner zu garantieren. Diese Regeln muss ein Staat erfüllen, wenn er eine islamische Legitimation sucht; eine bestimmte Staatsform schreibt der Koran nicht vor. Im Gegenzug soll der Staat keinen Glauben oktroyieren. Der politischen Praxis des Propheten wird kein islamisches Land besser gerecht als die Türkei.

zeit: Sie sprechen über eine Situation, in der die Muslime die Mehrheit sind. Hierzulande leben die Muslime aber in der Diaspora. Sollte sich da nicht ein besonderer, ein deutscher Islam herausbilden? Oder ein Euro-Islam?