Der Einwand gegen den Kandidaten stand fest: Wenn Horst Köhler wirklich ein guter Präsident werden wolle, war im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl immer wieder zu hören, dann müsse er auch auf anderen Feldern Kompetenz und Einfühlungsvermögen beweisen als nur auf dem der Ökonomie. Dann müsse er auch in ethischen und gesellschaftlichen Fragen überzeugen.

Das Argument erschien so zwingend, dass Köhler selbst es in seiner Dankesrede an die Bundesversammlung nach seiner Wahl für nötig hielt, zu beteuern, dass er in seiner Amtszeit zwar seine Kenntnisse als Ökonom nicht verleugnen werde, sich aber selbstverständlich auch um eine Diskussion über die Förderung von „Werten“ bemühen werde.

In dieser Debatte um die ethische Tauglichkeit des ehemaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds zeigte sich exemplarisch ein Wahrnehmungsmuster, das die deutsche Öffentlichkeit wie kein anderes prägt. Ökonomie gilt darin zwar als wichtig, aber a priori nicht als ethisch. Wer „nur“ ökonomisch argumentiere, suggeriert diese Logik, dem fehle es an Wertebewusstsein.

Diese festgefügte Überzeugung erstaunt in einem Land, das der Freisetzung seiner wirtschaftlichen Energien in hohem Maße die Herausbildung seines demokratischen Wertesystems zu verdanken hat. Das bundesdeutsche „Wirtschaftswunder“, für das vor allem der Name Ludwig Erhard steht, ermöglichte die rasche Stabilisierung der aus den Trümmern einer barbarischen Diktatur hervorgegangenen Demokratie. Ohne den ökonomischen Sachverstand von Politikern wie Ludwig Erhard, der sie zu entschiedenen Verfechtern einer von staatlicher Lenkung weitestgehend freien Marktwirtschaft werden ließ, wäre dieser Aufschwung nicht möglich gewesen. Das „Wirtschaftswunder“ führte die Deutschen aber nicht nur zu raschem Wohlstand. Es überzeugte sie auch von der Überlegenheit der Freiheit über die Diktatur, führte ihnen vor Augen, dass sich selbstständiges Handeln mehr lohnt als blinder Gehorsam gegenüber staatlicher Autorität und Treue zu einer alles beherrschenden Ideologie. Die Wertschätzung der individuellen Freiheit, die die Bundesbürger auf dem Feld der Wirtschaft erfuhren, übertrug sich bald auf den gesamtgesellschaftlichen Bereich. Im Laufe der sechziger und siebziger Jahre wurden, und zwar nicht erst beginnend mit der „68er“-Revolte, die Reste obrigkeitsstaatlicher Strukturen in den Institutionen und der Öffentlichkeit abgeräumt.

Dennoch hing der freien Marktwirtschaft und dem „Wirtschaftswunder“ in weiten Teilen der Öffentlichkeit ein dauerhafter Degout an. Das deutsche Wirtschaftswachstum und der daraus resultierende Wohlstand standen bald unter Verdacht, eine Art Narkotikum zu sein, mit dessen Hilfe die Deutschen erfolgreich ihre vergangene Schuld verdrängt hätten – dass es also im Grunde doch unethischen Zwecken gedient hätte. Dabei war es doch die nationalsozialistische Ideologie gewesen, die ihrerseits Ressentiments gegen das „raffende Kapital“ geschürt und die goldene antikapitalistische Regeln aufgestellt hatte wie: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz.“ Dass die Bundesdeutschen sich jetzt dem Vermehren persönlicher Güter und dem schnöden Konsum hingaben statt der blutigen Sache der ethnisch gesäuberten Volksgemeinschaft, war ein großartiger moralischer Triumph über den bösen Geist des Nationalsozialismus.

Selbst Erhard und seine Freunde mussten aber dem unbezwinglichen moralischen Grundmisstrauen gegenüber der freien Marktwirtschaft und ihren materiellen Segnungen Tribut zollen und dem Begriff „Marktwirtschaft“, damit er gesellschaftsfähig werden konnte, das Zuwort „sozial“ beifügen. Dass die wachsenden sozialen Leistungen des Staates jedoch nur auf Grundlage einer prächtig florierenden Ökonomie erbracht werden konnten, wurde dadurch tendenziell überdeckt. Der neue Begriff erneuerte aber die gedankliche Trennung zwischen Ökonomie und Ethik. Mit der Zeit überwucherte das Adjektiv „sozial“ im kollektiven Bewusstsein das Substantiv „Marktwirtschaft“. Letztere galt bald nur mehr als erträglich, wenn sie möglichst dick „sozial“ abgefedert, also durch ein ihr äußerliches Prinzip „gezähmt“ würde.

Tatsächlich aber war die „soziale Marktwirtschaft“ der frühen Jahre der Bundesrepublik ganz einfach Kapitalismus in Bestform. Die Unternehmer unternahmen etwas, der Staat ließ sie machen, stellte aber für den Wettbewerb feste, kontrollierbare Regeln auf und achtete durch moderate Umverteilung darauf, dass die sozial Schwachen nicht unter die Räder kamen. Man stelle sich aber vor, Ludwig Erhard hätte dieses gut funktionierende System ganz ungeschminkt "Kapitalismus" genannt! Wenn die deutsche Öffentlichkeit schon bei Worten wie „Ökonomie“ und „Marktwirtschaft“ zusammenzuckt und sich umschaut, ob die Wertepolizei bereit steht, welchen Schreck kriegte sie dann erst bei dem Schmuddelwort „Kapitalismus“! Bei dem assoziiert sie, von Attac bis Heiner Geißler, sogleich so unschöne Beiworte wie „Raubtier...“, „entfesselter...“ oder „die soziale Kälte des...“