Die Schrebergärtner am Stadtrand von Schöningen pusten mit dem Haarföhn in den Kugelgrill und ziehen stattliche Fleischfetzen aus der Marinade. Wissen die Grillmeister wohl, was für ein Jagdgemetzel sich nur einen Speerwurf von ihrem Zaun entfernt dereinst ereignet hat? Dort, wo das gigantische Loch des Braunkohletagebaus klafft, lag vor rund 400000 Jahren ein See. Was damals an seinem Ufer geschah, lässt sich nur erahnen. Im Gebüsch verbarg sich ein Trupp Vormenschen, Typ Homo erectus. Ob sie die Wildpferde in einen Hinterhalt getrieben oder tagelang auf der Lauer gelegen hatten, bis die Pferde zur Tränke kamen – man weiß es nicht. Man kann sich urmenschliches Gebrüll dazudenken, stellt man sich vor, wie sie aus der Deckung sprangen und sich über ihre Beute hermachten.

Über das Ende des Jagddramas allerdings ist kein Zweifel möglich: Knochen und Schädel von zwanzig Pferden fand der Archäologe Hartmut Thieme, dazwischen acht Speere aus Fichtenholz – die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit.

"In 400000 Jahren Speerwerfen hat sich nicht viel geändert", scherzt der Sportschau-Veteran Dieter Adler, der heute einen sehr speziellen Wettbewerb kommentiert. Im Schöninger Stadion, unweit der archäologischen Stätte, haben sich Schaulustige eingefunden, um Speerwerfern zuzusehen, wie sie mit dem Jagdwerkzeug früher Hominiden zurechtkommen. Am Absperrband hängen Schilder: "Spielfeld nicht betreten – Lebensgefahr". Dahinter stellt Adler den Speerwerfer Raymond Hecht vor, der mit 92,60 Meter den deutschen Rekord hält. Zwar will der sich heute wegen einer gerade auskurierten Verletzung nicht richtig ins Zeug legen und verzichtet auf die Spikes. Doch als Oliver Willand, Seniorenmeister von 2001, mit dem nachgebauten Schöninger Speer mächtig ausholt, packt ihn der Ehrgeiz. "Der feuert ihn ganz schön raus", kommentiert Dieter Adler Hechts prähistorischen Wurf: 64,91 Meter. Mit dem modernen Carbon-Speer schafft er es auch nur einen halben Meter weiter.

Einer, der bereits früher Nachbauten der Schöninger Speere durch die Gegend schmeißen ließ, ist Hermann Rieder, der emeritierte Direktor des Instituts für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg. Rieder war in den 1950ern selbst Deutscher Meister im Speerwerfen und trainierte später den Olympiasieger von 1972, Klaus Wolfermann. Er erzählt von seinen Erfahrungen in Sachen experimenteller Archäologie: "Die mittlere Länge der gefundenen Speere entspricht dem heutigen Damen-Wettkampfspeer von 2,20 Meter, auch das Gewicht von rund 600 Gramm kommt hin." An Gelatineblöcken hatte er die Eindringtiefe der Speere getestet: Das moderne Geschoss schaffte 29 Zentimeter, sein prähistorischer Ahn sechs weniger.

Die Originale liegen wohlbehütet im niedersächsischen Landesdenkmalamt in Hannover, der Arbeitsstelle von Hartmut Thieme, ihrem Entdecker. Genauer gesagt, schwimmen sie dort in lichtdichten Edelstahltanks, die mit destilliertem Wasser gefüllt sind. Die kleine Stadt Schöningen aber, zehn Kilometer von Helmstedt im ehemaligen Zonenrandgebiet gelegen, leidet unter Phantomschmerzen. Nur der Abdruck, den ein Speer im paläolithischen Schlamm hinterlassen hat, ist in der kleinen Ausstellung Archäologische Spurensuche am Rande des Tagebaus zu sehen. Auch wenn man daran erkennt, wie sorgsam der Speer gearbeitet ist, wie vorzüglich seine Spitze aus dem Holz getrieben wurde und wie das Holz sich unter dem Sedimentationsdruck leicht verbog, verirren sich am Tag gerade mal zehn, selten dreißig Besucher ins ehemalige Schöninger Gefängnis. Wer will schon etwas ansehen, was gar nicht da ist?

Hominiden im Sportdress

Stephan Lütgert möchte das ändern. Als Geschäftsführer des Fördervereins "Schöninger Speere. Erbe der Menschheit" entwickelte der promovierte Archäologe eine Vision, die der strukturschwachen Region neue Identität verleiht: Ein "Forschungs- und Erlebniscenter" soll den Touristen die Speere präsentieren und was tapfere Archäologen sonst den mehr als dinosauriergroßen Baggern vor der Schippe wegschnappten. "Wenn Sie berühmte archäologische Fundstätten wie Lascaux oder Neandertal besuchen", sagt Lütgert, "dann wird Ihnen dort auch etwas geboten. Warum soll das in Schöningen anders sein?" Es ist ein langer Weg bis dahin.

Einen Vorgeschmack mit Speerduplikaten gibt es heute. "Vom Steinzeitjäger zum Leistungssportler" heißt der von Lütgert auf die Beine gestellte Wettbewerb, in dessen Rahmen Hecht und Co jetzt nicht mehr in die Weite schmeißen. Die Jagddistanz mit Speeren betrug ja nur 15 Meter: Jenseits davon, haben die Experimentalarchäologen ermittelt, fehlte es an Durchschlagkraft. Deshalb üben sich die Athleten nun im Zielwerfen auf einen röhrenden Hirsch. Strohballen geben dem tierischen Pappkameraden Halt. Werden die Hominiden im Sportdress ihn erlegen können, so wie damals ihre Vorfahren die frühen Equiden?