Erfolg schafft Legenden. Um den Erfolg der Familie Rothschild ranken sich besonders viele. Eine davon ist, dass sie ihre erste Million durch eine waghalsige Spekulation über den Ausgang der Schlacht von Waterloo gemacht habe. Das stimmt nicht. Wahr ist dagegen, dass der Krieg zwischen England und Frankreich sie beinahe ruiniert hätte – aber eben nur beinahe. Am Ende zahlte sich eine Mischung aus Geschick, Risikofreudigkeit und Glück aus – mit ihr begann die Erfolgsgeschichte der Rothschilds.

Ganz am Anfang allerdings war das Frankfurter Ghetto. In der engen Judengasse lebten in der Mitte des 18. Jahrhunderts 500 Familien, unter ihnen auch die von Mayer Amschel Rothschild. Der führte seit 1764 einen Handel mit Münzen und Medaillen, und so bestand seine Kundschaft in erster Linie aus reichen Patriziern und den zahlreichen Adelshäusern, die in den deutschen Kleinstaaten herrschten. Einer seiner ersten Kunden war Wilhelm Erbprinz von Hessen-Kassel, der von dem "Juden Mayer" ein paar seltene Münzen für 38 Gulden kaufte. Viel war das nicht gerade, aber ohne es zu wissen, knüpfte Mayer Amschel mit diesem Geschäft eine Verbindung, die knapp 50 Jahre später zum Schlüssel des Erfolges der Rothschilds werden sollte.

Zunächst aber musste sich der Urvater der Dynastie darum bemühen, seine zahlreichen Kinder zu ernähren. Zusammen mit seiner Frau Gutle, hatte er 19 Kinder, von denen immerhin zehn das Krippenalter überlebten.

Er schmuggelte Waren über Helgoland

Er hatte Glück und Geschick. Außer Münzen und Medaillen verkaufte er bald Antiquitäten, und nach 1792 stieg er auch ins Bankgeschäft ein, was nicht sehr ungewöhnlich war. Sein Warenbestand war immer größer geworden, sein Kundenstamm auch, und bald hatte er angefangen, großzügige Zahlungsziele einzuräumen und schließlich sogar Kredite zu geben. So wurde Mayer Amschel in kurzer Zeit zu einem der reichsten Männer in der Judengasse und gehörte ab 1795 zur höchsten Steuerklasse. Aber das reichte ihm immer noch nicht. Im Textilhandel entdeckte er bald das nächste überaus lukrative Geschäft. Entstanden war diese Handelsform durch die erste Welle der industriellen Revolution. Die halb automatisierten Webereien Mittelenglands belieferten ganz Europa mit billigen und guten Stoffen, und Mayer Amschel begann, mit den Textilien zu handeln.

Als das 18. Jahrhundert zu Ende ging, hatten sich Rothschilds Geschäftsinteressen von Frankfurt über die deutschen Kleinstaaten hinaus bis nach Manchester und London ausgedehnt. Es war jetzt an der Zeit, seine Söhne in das Geschäft einzuführen. Bei allem Erfolg, den der tüchtige Kaufmann gehabt hatte – die glücklichste Entscheidung seines Lebens war ohne Frage die, Nathan, seinen drittältesten Sohn, nach England zu schicken.

Zunächst aber machte der seinem Vater viele Sorgen. Unorganisiert und nachlässig war der 23jährige Nathan. Ständig ermahnte ihn sein Vater, bei der Verschiffung der Ware genauer vorzugehen. Aber was ihm an Ordnung fehlte, machte er durch Weitsicht und List wett: 1806 sperrte Frankreich den von seinen Truppen besetzten Kontinent für englische Waren. Nathans Markt wurde verriegelt. Aber so leicht wollte er sich nicht geschlagen geben, er war entschlossen, seine Ballen an die Kunden zu bringen. Er fälschte Schiffspapiere, ließ seine Ladungen in Schweden umladen oder schmuggelte sie einfach über Helgoland nach Deutschland. Eine ganze Zeit lang ging das gut. Dann aber, im Juli 1810, wurde eine Ladung Stoffe von den Franzosen in Frankfurt beschlagnahmt, und die Besatzer hatten fortan ein wachsames Auge auf die Aktivitäten der Rothschilds.

Diese Krise wurde zum Wendepunkt. In Zukunft sollte der Handel eine immer geringere Rolle spielen, weil Nathan zu dem Entschluss kam, sich als Banker zu etablieren. Seine Heirat mit Levi Barent Cohen im Oktober 1806 machte ihn zum Schwiegersohn eines einflussreichen Londoner Kaufmanns und erhöhte sein Kapital durch eine ansehnliche Mitgift. Er konzentrierte sich nun auf London, kaufte dort 1808 ein Haus und verkündete im Juli 1811, dass er fortan unter eigenem Namen, als N. M. Rothschild, Geldgeschäfte in der Londoner City tätigen werde. Und tatsächlich wurden die Rothschilds unter Nathans Federführung in weniger als 20 Jahren zu den bedeutendsten Bankiers, die Europa je gesehen hatte.