Manfred Hendel, der CDU-Bewerber für den Schlüchterner Bürgermeisterposten, gibt sich im Gespräch keine besondere Mühe, Muslime und Islamisten zu unterscheiden. Er sei, was die Ahmadiyya angehe, zwar "nicht so gründlich informiert", aber Professoren brauche man in Schlüchtern eigentlich auch nicht: "Die Skepsis der Leute hier erzeugt die Tagesschau." Außerdem, findet er, passe eine Moschee "nicht in unser christlich-abendländisches Landschaftsbild." Am 13. Juni sind Kommunalwahlen in dem Kinzigstädtchen.

Der amtierende Bürgermeister von der SPD, Falko Fritzsch, hat bis vor kurzem versucht, den Streit um die Moschee gütlich zu lösen. Dann gab er es auf. "Die Primitivitätsskala in dieser Auseinandersetzung", sagt er, "ist nach unten offen." Eigentlich habe er keinerlei Bedenken gegen das Gebetshaus. Schließlich gebe es keine Anzeichen dafür, dass es sich bei den Ahmadis (40 von ihnen leben in Schlüchtern) um eine gefährliche Gruppe handele. "Aber mittlerweile gilt der Islam als Synonym für Terrorismus."

Schlüchterns Muslime, sagt ein Experte, sind "ziemlich harmlos"

Ausgerechnet gegenüber der Ahmadiyya-Gemeinschaft ist diese Gleichsetzung besonders absurd. Der hessische Verfassungsschutz sieht derzeit keinen Anlass, die Gemeinschaft zu beobachten. Sie sei keineswegs radikal. Das bekräftigt auch Munir Ahmed, ein pensionierter Islamwissenschaftler des Hamburger Orient-Instituts. Er war bis zu seinem 26. Lebensjahr selbst ein Ahmadi und trat dann aus. Die Bewegung, sagt er, sei zwar missionarisch und konservativ, aber "ziemlich harmlos". In ihrer Heimat Pakistan werden die Ahmadis gar als unislamisch verfolgt. Mit anderen Worten: Sie sind so etwas wie die Zeugen Jehovas unter den Muslimen.

An diesen Fakten änderten zwar die Bomben in den Bahnhöfen von Madrid nichts. Aber sie verschlimmerten die Stimmung in Schlüchtern. Spätestens seit dem 11. März, sagt Bürgermeister Fritzsch, habe er in Sachen Moschee "keine Kompromissmöglichkeit mehr" gesehen. Mitte März bat er die Ahmadis, den Bauantrag (er ist noch immer nicht beschieden) zurückzunehmen. Als "Zeichen des Willens zum friedlichen Zusammenleben", wie Fritzsch es formulierte. Man merkt dem Bürgermeister an, dass er diesen Schritt selbst als Einknicken empfindet. Eigentlich, sagt er, müsse er ja auch die Religionsfreiheit garantieren. "Aber was soll ich machen?", fragt er. "Nimmt man sein Vorfahrtsrecht in Anspruch, wenn von der anderen Seite ein voll besetzter Linienbus auf die Kreuzung zurast?"

So viel zu den Gegnern der Moschee – und was ist mit ihren Anhängern? Was ist mit dem, gelinde gesagt, problematischen Frauenbild vieler Muslime? Was mit dem oftmals undurchsichtigen Demokratieverständnis? Dem überdurchschnittlichen starken Antisemitismus? Was predigen die Vorbeter? Lässt sich, etwas allgemeiner gefragt, jede islamische Bewegung ganz selbstverständlich mit der Religionsfreiheit des Artikels 4 umarmen?

Wenn man die Ahmadis nur um Auskunft bittet, öffnen sie bereitwillig die Tür zu ihren Gebetsräumen. Im profanen Ambiente einer Zweizimmerwohnung im ersten Stock hinter einer Schlüchterner Tankstelle haben sie sich provisorisch eingerichtet. Den Empfang übernimmt der Hauptverdächtige des mutmaßlichen "Kalifatsstützpunkts" Schlüchtern. Er heißt Hadayatullah Hübsch, sieht aus wie eine Mischung aus Udo Lindenberg und Jassir Arafat, ist ehemaliger Kommunarde und Frankfurter Hippie-Anführer, 1970 zum Islam konvertiert, heute Schriftsteller und Pressesprecher der Ahmadiyya-Gemeinde. In der Küche hinter ihm werkeln drei Frauen mit Schleier an einem opulenten Mittagsmahl. Nebenan, im Männergebetsraum, läuft im Fernseher eine Sendung des Muslim Television Ahmadiyya International. Über Intelsat versorgt der Sender aus London die weltweit in 170 Ländern lebenden 10 Millionen Ahmadis mit Predigten, 24 Stunden am Tag. "Jeder kann doch sehen und hören, was hier gepredigt wird, sogar auf Deutsch", sagt Hübsch. "Stattdessen werden wir von der Bürgerbewegung mit Lügen überschüttet."