Es brodelt in Deutschlands Chefetagen. Es grummelt im Innern vieler Manager. Sie haben es satt, in der Öffentlichkeit als unfähig, unehrlich oder unersättlich angeprangert zu werden, als verschworene Clique, die sich in Aufsichtsräten und anderen Führungszirkeln gegenseitig kontrolliert und vor Schaden bewahrt - und die deshalb durch ein immer enger geknüpftes Netz von Regeln überwacht werden muss. Nach Skandalen wie Enron in den USA oder Flowtex und EM.TV in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren in vielen Ländern unter dem Stichwort Corporate Governance neue, meist nicht bindende Vorschriften eingeführt, mit denen die Führung und die Kontrolle von Unternehmen transparenter werden sollten. In Deutschland arbeitet eine Kommission an der Verfeinerung dieses Regelwerks. Doch jetzt droht der Roll-back. In den USA, aber auch hierzulande machen die Chefs mobil gegen die ungeliebte Diskussion. Dabei hat sich - trotz der neuen Regeln - kaum etwas bewegt. Vor allem nicht in den Köpfen.

Die Gegenbewegung begann vor einigen Wochen. Rüdiger von Rosen, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts (DAI) warnte vor einer Überregulierung durch immer neue Vorgaben. Fast zeitgleich sprach Klaus Zumwinkel, Vorstandschef der Deutschen Post, trocken von einer "Corporate-Governance-Industrie", bestehend aus Medien und Beratern, die das Thema aus Eigeninteresse immer weiter vorantreibe. Und Ende Mai reagierte Hilmar Kopper, Kopf des Aufsichtsrates bei DaimlerChrysler, mit einer Philippika auf die zunehmend auch von Fonds geäußerte Kritik an dem Autokonzern. "Was sind schon Fakten!", erregte er sich. Fonds wollten sich nur "als Kreuzritter der Corporate Governance profilieren", insbesondere jene mit schlechter eigener Performance, so der in ätzendem Ton gehaltene Vorwurf.

Vielen Kleinanlegern und Wirtschaftsjournalisten fehle das Fachwissen, und es sei "kein Wort zu platt, keine Polemik zu mies und kein Vorurteil zu abgedroschen, um die Aufseher ins Abseits zu stellen". Dramatisch der Ausruf am Ende des Artikels: "Oh, Standort Deutschland!"

Wer sich wie Kopper so echauffiert, sollte sich indes einige Ereignisse der jüngsten Zeit in Erinnerung rufen: DaimlerChrysler verkündete mit dem Einstieg in den Ausstieg bei Mitsubishi einen radikalen Wechsel in der Strategie - und das kurz nach der Hauptversammlung, sodass die Aktionäre dem Treiben nur staunend zusehen, aber nicht mehr eingreifen konnten. Ein Gericht kassierte die Blockwahl des Aufsichtsrates bei der HypoVereinsbank, und bei Infineon kam es zum plötzlichen Abgang Ulrich Schumachers, ohne dass in irgendeiner Form über einen Nachfolger nachgedacht worden war. Selbst Trainerwechsel in der Fußballbundesliga wirken im Vergleich professioneller.

All das sind Einzelbeispiele, sicher. Augenfälliger wird das Defizit deutscher Unternehmen in Sachen Corporate Governance bei der Frage der Offenlegung von Vorstandsgehältern. Gerade einmal ein Drittel aller Dax-Konzerne hat die individuellen Bezüge ihrer Topmanager freiwillig publik gemacht. Ob die anderen folgen werden, scheint fraglich. Max Dietrich Kley, der bei Infineon zwischenzeitlich als Interimschef einspringen musste, forderte im April, die entsprechende Empfehlung im Deutschen Corporate Governance Kodex zu streichen. Er sehe nicht den Nutzen. Kley will nicht begreifen, dass es um die Frage der Verhältnismäßigkeit von Leistung und Bezügen auch bei einzelnen Vorständen geht und ganz nebenbei auch noch um ein Signal des guten Willens. Das Bemerkenswerte dabei: Kley ist neben seiner Funktion bei Infineon Mitglied der Kommission, die den Kodex erarbeitet hat.

Die Bundesregierung fühlt sich durch so viel Widerborstigkeit herausgefordert: In einem Interview mahnte Justizministerin Brigitte Zypries, sie werde die aktuelle Hauptversammlungssaison aufmerksam verfolgen und dann über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung entscheiden. Zypries fordert, dass mindestens 80 bis 90 Prozent aller Firmen ihre Vorstandsbezüge individuell offen legen.

Noch intransparenter als die Bezüge deutscher Vorstände ist nach wie vor die Arbeit vieler Aufsichtsräte. Im vergangenen Jahr war insbesondere die weit verbreitete Praxis kritisiert worden, nach der Vorstandschefs bislang nach Ablauf ihrer Ära fast automatisch an die Spitze des Kontrollgremiums wechselten. Inzwischen arbeitet die Europäische Kommission an Empfehlungen, die rigide Kriterien für die Unabhängigkeit von Aufsichtsratsgremien vorsehen. In Gesprächen bauen Deutschlands Manager bereits vor: Wer von außen komme, heißt es, dem fehle oft die nötige Kompetenz. Auf die Kritik, dass viele Aufsichtsräte überfordert seien, wichtige Entscheidungen kurzerhand abnickten und für wenige Treffen im Jahr viel Geld kassierten, reagiert nicht nur Hilmar Kopper mit Unverständnis. Was wisse man eigentlich über die wirklichen Verhältnisse?