Michał Drzymała gehört er zu den drei Millionen Staatsbürgern polnischer Herkunft im Deutschen Reich; ein einfacher Mann, geboren 1857 in der Provinz Posen. Jahrelang ist er mit seiner Familie umhergezogen, hat sich auf Gütern verdingt oder als Fuhrmann gearbeitet. 1904 kommt er mit seiner Frau Józefa und drei Söhnen nach Kaisertreu, einem Dorf 80Kilometer südwestlich von Posen. Mit dem Pferdewagen fährt er dort und in der Umgebung Sand, Kies und Ziegel aus. Michał Drzymała gefällt die Arbeit und das kleine Dorf mit seinen Fachwerkhäusern zwischen Weiden und Wäldern. Er will sich in Kaisertreu niederlassen – und ahnt nicht, dass ihn dieser bescheidene Wunsch zu einem polnischen Nationalhelden machen wird.

Die Provinz Posen war 1793, mit der zweiten Teilung Polens, von Preußen annektiert worden. Friedrich Wilhelm III. hatte Toleranz versprochen, doch davon konnte schon bald keine Rede mehr sein. So forderte Posens Oberpräsident Eduard Heinrich von Flottwell 1841 in einer Denkschrift, "dass die ihren polnischen Einwohnern eigentümlichen Gewohnheiten und Neigungen […] allmählich beseitigt, dass dagegen die Elemente des deutschen Lebens in seinen materiellen und geistigen Beziehungen immer mehr in ihr verbreitet werden, damit endlich die gänzliche Vereinigung beider Nationalitäten als der Schluss dieser Aufgabe durch das entschiedene Hervortreten der deutschen Kultur erlangt werden möge". Der Prozess der Germanisierung eines Landes, in dem Deutsche und Polen, Juden und Christen lebten, hatte längst begonnen.

In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts allerdings kam er ins Stocken. Hunderttausende zogen damals, auf der Suche nach Arbeit, aus den preußischen Ostgebieten nach Westen – Polen, aber noch mehr Deutsche. Amerika lockte, oder auch Preußens Westprovinzen, wo an Ruhr und Rhein die Schwerindustrie boomte. In der Provinz Posen sank der Anteil der Deutschen an der Bevölkerung nach 1870 unter 50 Prozent.

Dennoch: Während in Galizien Kaiser Franz Joseph den Polen weitgehende Autonomie gewährte, hielt in Preußen-Deutschland Otto von Bismarck an der Politik der Eindeutschung fest. Zudem wurden die polnischen Untertanen von seinem Kulturkampf gegen die katholischen "Reichsfeinde" besonders getroffen. Die Regierung in Berlin entzog der Kirche die Schulaufsicht; der widerspenstige Erzbischof von Posen-Gnesen Graf Mieczysław Ledóchowski musste für zwei Jahre ins Gefängnis (und dann in den Vatikan emigrieren). Polnische Beamte und Soldaten wurden zur Germanisierung in westliche Garnisonen und Ämter gesteckt. 1873 stellte man dann den Schulunterricht weitgehend auf die deutsche Sprache um.

Die Spannungen zwischen den Volksgruppen wuchsen. Deutsche und polnische Geschäftsleute überzogen sich gegenseitig mit Boykottaufrufen, es gab Streit um Denkmäler und immer wieder um das Recht der Polen auf ihre Muttersprache. 1886 wollte Bismarck dem "Deutschenschwund" endlich Einhalt gebieten; ein Ansiedlungsgesetz wurde verabschiedet "zur Stärkung und Vermehrung des deutschen Elements gegen polonisierende Bestrebungen". Man gründete eine Ansiedlungskommission für Westpreußen und Posen und stattete sie mit 100 Millionen Mark, acht Prozent des preußischen Landeshaushaltes, großzügig aus. Dafür sollte sie Land von polnischen Adligen kaufen und für potenzielle Siedler aus dem Westen aufteilen. Gleichzeitig wurden an die 30.000 Polen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in die österreichischen und russischen Teilungsgebiete abgeschoben.

Die Kommission investierte erheblich in die Infrastruktur, entwässerte 65.000 Hektar Sümpfe und Bruchland, legte Straßen an, baute ganze Dörfer mit einfachen Häusern neu. Ein Berichterstatter registrierte "öfters unansehnliche, überaus nüchterne Bauten, Ziegelrohbauten, ungefugt, unter schwarzem Pappdach. Glücklicherweise haben inzwischen die Obstbäume mitleidig und verbergend ihre Äste vor die Häuser gebreitet, und wilder Wein und Spalierobst ranken sich verschönend an ihnen empor." Die Neubauernhöfe mit 15 Hektar waren auf die Bewirtschaftung durch eine Familie zugeschnitten, also ohne polnische Landarbeiter. Die wollte man ja nicht mehr haben.

Die forcierte Germanisierung gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zunächst konnte die Kommission noch verschuldete Güter von polnischen Adligen erwerben. Doch wurden diese bald von ihren Landsleuten unter Druck gesetzt, den Angeboten der Kommission zu widerstehen. Der "Kampf um den Boden" entbrannte und trieb die Preise in die Höhe. Aktivisten wurden engagiert, die bei feilstehenden Gütern in altpolnischer Tracht auftauchten und Kaufinteresse demonstrierten.

Bismarck verlangt Härte gegen die Polen