Der beste Stoff wird am Ende des Gangs verabreicht. In einer neonhellen Stube. Wenn Rose, eine quirlige Rothaarige in Shorts und ärmelloser weißer Bluse, zur Mandoline greift, mit dem rechten Fuß den Rhythmus vorgibt und zu singen anfängt, schiebt Joe seine stattlichen Pfunde auf einen Barhocker und zupft die Banjosaiten flinkfingriger, als man es dem Fernfahrer mit dem bürstenkurzen Haarschnitt zugetraut hätte. Geige und Kontrabass setzen ein, die Musiker bilden einen Kreis wie um ein Mikrofon und legen los, dass die Temperatur im fensterlosen Raum sprunghaft anzusteigen scheint.

Seit Januar betreiben Rose Pierce und zwei weitere nicht mehr ganz junge Ladys im Tiefgeschoss eines Bürogebäudes ihren Treff für alle, die dem Bluegrass verfallen sind, jenem nostalgischen Klang von Fiddle und Banjo, Gitarre und mehrstimmigem Gesang. Eine Droge, typisch für den Osten von Tennessee, an der so schnell kein Mangel herrscht im alkoholfreien Back Hills Cafe. Denn die Stammgäste legen ihre Instrumente nur ungern aus der Hand. Sie spielen und spielen. Auf der Bühne, in Gängen, in Nebenräumen oder draußen auf dem Parkplatz. Den meisten geht es wie Joe, der sagt: "Für mich gibt’s nichts Wichtigeres, als meine Musik zu machen, egal, ob mit Publikum oder ohne."

Die Geige war ein Kürbis, das Banjo eine Keksdose

Bluegrass boomt: Mehr als 500 Festivals und Fiddler-Wettbewerbe gibt es jährlich in den USA. Viele davon im Osten des Staates Tennessee und im Westen North Carolinas. Hier, an den Ausläufern der südlichen Appalachen, liegt der Ursprung dieser Musik. Seit dem Jahr 2000 ist der Verkauf von Bluegrass-CDs um mehr als 100 Prozent gestiegen. Junges Publikum hat den Klang für sich entdeckt, als die Coen-Brüder den heute 77-jährigen Szene-Patriarchen Ralph Stanley für den Soundtrack ihres Kultfilms O Brother, Where Art Thou? engagierten.

Im Unterschied zu seinem populäreren Verwandten namens Country ist Bluegrass Volksmusik geblieben, vom Kommerz kaum vereinnahmtes ländliches Entertainment ohne klare Trennung in Macher und Zuhörer, Profis und Amateure. Selbst bei großen Festivals herrscht familiäre Atmosphäre mit Musikern zum Anfassen.

Das Back Hills Cafe liegt im Zentrum von Maryville, der Stadt beim Flughafen der East-Tennessee-Metropole Knoxville. Doch der Name des Cafes spielt auf die Welt der Hillbillys an, kokettiert mit dem wenig freundlichen Begriff Hinterwäldler. In den südlichen Appalachen leben Nachkommen der irischen und schottischen Einwanderer, die ab der Mitte des 18. Jahrhunderts die waldreichen Jagdgründe der Cherokee-Indianer in den Great Smoky Mountains zwischen Asheville in North Carolina und Knoxville in Tennessee besiedelten. Sie sind Spott gewöhnt. Hillbillys gelten als provinziell, rückständig und borniert. Doch nicht wenige bezeichnen sich selbst so. In einer wohl begründeten Mischung aus Trotz und Stolz. Stolz nicht zuletzt auf ihre mountain music, aus der sich weltweit geschätzte Stile wie Country und Bluegrass entwickelt haben. Aus Songs, die oft an die Balladen schottisch-irischer Folklore erinnern, die von Liebe und Tod berichten, vom Alltag der Siedler, für deren oft einziges geselliges Vergnügen ein Fiddler sorgte. Wer Musik hören wollte, musste sie selbst machen in der einsam gelegenen cabin in the woods.

Drei Dutzend solcher Blockhütten und Farmgebäude wurden auf das Gelände des Museum of Appalachia umgepflanzt. Es liegt 70 Kilometer nordwestlich des Great-Smoky-Mountains-Nationalparks in hügeligem Farmland und vermittelt einen bei aller Schlichtheit seltsam idyllischen Eindruck von den Pioniertagen. Weidende Schafe auf sanft gewellten Wiesen am Rand eines bewaldeten Hügels – so friedlich dürfte den Neuankömmlingen die Bergwelt der Appalachen kaum vorgekommen sein mit ihren Dunstschleiern, denen sie Attribute wie smoky und blue verdankt. Wer die Hütten der mountain people betritt, dem erzählen schlichteste Möbel, verschlissene Kleidungsstücke, aus alten Strümpfen genähte Stofftiere Geschichten von Armut und Überlebenskampf.

Verwehte Gitarrenklänge locken zu Peters Homestead House. Auf niedrigen Flechtstühlen haben zwischen dem Kamin und einem von alten Quilts bedeckten Bett Charlie Acruff (Geige), Carlock Stooksbury (Maultrommel) und Ted Wyrick (Gitarre) Platz genommen, betagte Musiker des Museumsteams. Charlie greift zur Geige, die sein Vater aus dem Holz von Zigarrenkisten gebaut hat. "Hast du eine gute Tonart für Goldrush?", fragt ihn Ted, und sie fangen so temperamentvoll zu spielen an, als wäre Charlie keine 85 Jahre alt.