Marion Samuel war ein ganz normales deutsches Mädchen, das in einem ganz normalen deutschen Städtchen, im neumärkischen Arnswalde (heute Choszczno), geboren wurde. Mit etwas Glück und Gesundheit könnte Marion heute noch leben. Dass sie schon seit langem tot ist, hat damit tun, dass sie zwar ein deutsches, aber auch ein jüdisches Mädchen war.
Im Jahre 2003 wurde der Historiker Götz Aly mit dem Marion-Samuel-Preis ausgezeichnet. Der preisgebende Name steht stellvertretend für die vielen hunderttausend Kinder, die von den Nationalsozialisten umgebracht wurden. Er findet sich auf Seite 1289 im Gedenkbuch des Bundesarchivs für die ermordeten deutschen Juden. Als Aly von der beabsichtigten Ehrung erfuhr, wussten weder er noch sonst jemand, welches individuelle Schicksal sich hinter dem Namen von Marion Samuel verbarg. Also machte er sich auf die Suche. Mit jener Energie und Zielstrebigkeit, die diesen Zeithistoriker auszeichnen, und mit dem nötigen Quentchen Zufall und Glück gelang es Aly, die Konturen eines kurzen Menschenlebens zu rekonstruieren, das im März 1943 in einer der beiden Gaskammern von Auschwitz-Birkenau endete.