Ganz vorn saßen auf roten Samtfauteuils einige Damen und Herren der kaiserlichen Familie, hinter ihnen Vertreter des Hochadels. Denen folgten im Parkett zahlreiche Musikkritiker und Intellektuelle wie Arthur Schnitzler und Stefan Zweig. Und auf den Stehplätzen am Ausgang des Bösendorfer-Saals drängte sich "in dichten Reihen die lockige Jugend beiderlei Geschlechts, bewaffnet mit Partituren und Klavierauszügen", wie ein Zeitgenosse berichtet. Ein paar hundert Konzertbesucher waren in die Herrengasse 6 gekommen – wie bei jedem Abonnementskonzert. Man kannte sich. Aber an diesem Dezemberabend des Jahres 1908 lag etwas Besonderes in der Luft. Es roch nach Skandal. Man wollte Skandal. Und es wurde einer.

Der 34-jährige Arnold Schönberg galt in Wien, wo er aufgewachsen war, als starkes und umstrittenes Talent. Sein Streichsextett Verklärte Nacht hatte viele Musikfreunde beeindruckt, und kein geringerer als der Hofoperndirektor Gustav Mahler förderte ihn. Doch mit jedem weiteren Werk, jeder Erweiterung der Tonalität, war Schönberg auf wachsenden Widerstand gestoßen. Schon im Jahr zuvor hatte es bei Uraufführungen Ärger gegeben: Beim Streichquartett opus 7 kam es zu Wortwechseln im Publikum, bei der Kammersinfonie opus 9 wurde gelacht. Beide Male hatte Mahler demonstrativ applaudiert, ja sogar Zuhörer zurechtgewiesen: "Wenn Sie neben mir stehen, haben Sie nicht zu zischen!" Dabei konnte er selbst Schönbergs Absichten nur noch mit Mühe folgen.

Martin Eybl hat Schönbergs Skandalkonzerte 1907 und 1908 erforscht. In Dokumentation und Essay weist er nach, dass das Publikum keineswegs so borniert war, wie man sich das gern vorstellt, und dass andererseits Schönberg historische Entwicklungen fortgeführt, nicht abgeschnitten hat. Dass er dabei ins Extrem ging, entsprach seiner Überzeugung, der Künstler habe "immer wieder von neuem ins dunkle Reich des Unbewussten hinabzusteigen, um Inhalt und Form als Einheit heraufzubringen". Indessen: "Wenn das überhaupt noch Musik ist, dann will ich nie wieder welche hören", hatte der Kritiker Ludwig Karpath bereits nach einem Liederabend im Januar 1907 geschrieben, und dabei war der Mann vom Neuen Wiener Tagblatt dem Komponisten sehr gewogen.

"Nicht weitersingen! Schluss!"

Musikwissenschaftler Guido Adler, Förderer Schönbergs, brach nach der Kammersymphonie in Tränen der Enttäuschung aus. "Seine Themen kann man sich nicht merken", schrieb ein Kritiker, "Gemüt, Gefühle, Empfindungen werden nicht gestreift." Ein anderer empfahl: "Hätten sie doch nur falsch gespielt, dann hätte es vielleicht richtig geklungen…" Das war freilich noch die geistreiche Seite des Wiener Schmähs. Neben differenzierenden Kritikern hatten sich andere "Preßköter" (Schönberg) genüsslich auf den "hyperkühnen Exaltado" eingeschossen, als der 21. Dezember 1908 herannahte. Die Lage war schon polarisiert, ehe das renommierte Rosé-Quartett und die Sopranistin Marie Gutheil-Schoder die Noten des opus 10 auf die Pulte stellten.

Es ist jenes Streichquartett, in dem der Komponist erstmals ganz die Tonalität hinter sich lässt, während die Sängerin Stefan Georges Zeilen vorträgt: "Ich fühle luft von anderem planeten …" Hier vollzieht sich der Abschied vom abendländischen Konsens der Harmonik, der im Kern seit vierhundert Jahren gegolten hatte. Schönberg hatte seine Kunst in einer tiefen Krise noch radikalisiert. Seine Frau hatte ihn mit dem Künstler Richard Gerstl verlassen und war der Kinder wegen zurückgekehrt, woraufhin Gerstl sich das Leben genommen hatte. "Töte das sehen – schliesse die wunde! / Nimm mir die liebe – gib mir dein glück!" Diese von Stefan George formulierte Bitte an Gott musste Schönberg "in fast jedem Sinne als eigene empfinden" (Peter Gülke).

Er brachte sie im dritten Satz seines opus 10 zu Klängen von ungeheuerlicher Weite. Ihnen folgte im vierten Satz die atonale "luft von anderem planeten". Nicht jedoch in der Uraufführung. Da wurde geschrien: "Nicht weitersingen! Schluss! Wir haben genug! Wir lassen uns nicht frozzeln!" Auch seriöse Kritiker waren aufgesprungen, um lautstark die neue Musik zu verhindern. Begonnen hatte das Getöse schon nach dem ersten Satz, als junge Schönberg-Fans so provokativ klatschten und johlten, dass die Skeptiker sich zur Gegenkundgebung entschlossen. Im zweiten und dritten Satz gab es stürmisches Gelächter. Man fragt sich, wie die fünf Interpreten es fertig brachten, in dieser Atmosphäre den letzten Satz doch noch über die Bühne zu bringen.

Umsturz der Werte