Wenn wir mal 30000 Jahre Eiszeit, 5000 Jahre deutscher Wald und sechs Jahre ZEIT- Literatur beiseite lassen, dann stehen in diesem Sommer die folgenden Jubiläen an: der 700. Geburtstag Petrarcas, die 200. Geburtstage von George Sand und Nathaniel Hawthorne, der 200. Todestag von Alexander Hamilton, der 100. Todestag von Anton Tschechow, der 90. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, die 70. Geburtstage von Alfred Biolek und Giorgio Armani, der 60. Jahrestag des 20. Juli, der 50. Todestag von Frida Kahlo, der 15. Todestag Herbert von Karajans sowie der erste Jahrestag der Eröffnung des längsten deutschen Autobahntunnels in Thüringen.

Es wäre also keine Kunst, nein, es wäre sogar geboten, die Zeitungspalten und die Funk- und Fernsehsendungen mit unaufhörlichem Gedenken zu füllen. Das geschieht ja auch fast, wir haben uns daran gewöhnt. Die Stadt Greifswald zum Beispiel feiert den 98. Geburtstag Wolfgang Koeppens (gestorben 1996) mit einem großen Literaturfestival. Wahrscheinlich hat es noch nie eine Zeit gegeben, hinter der sich ein derart riesiger, ein so gut erforschter, gewissenhaft dokumentierter historischer Raum auftut. Zweifellos ist es notwendig, diesen Raum lehrend und lernend zu vergegenwärtigen, denn wer von der Vergangenheit keinen Begriff hat, kann die Zukunft nicht gewinnen.

Was aber seltsam ist und immer seltsamer wird, ist der Zahlenfetischismus, der sich einst auf runde, durch hundert oder wenigstens fünfzig teilbare Zahlen beschränkte, inzwischen jedoch vor keiner Teilbarkeit mehr Halt macht, was am Ende dazu führen müsste, dass wir eines jeden je geschehenen Geburtstages oder Todestages Jahr für Jahr gedenken – als ob nicht jeder genug damit zu tun hätte, sich die Geburtstage seiner Lieben zu merken.

Dieser Befund scheint einer oft vorgetragenen Kritik zu widersprechen: dass sich nämlich diese Gesellschaft nur mehr der Erhaltung und Mehrung ihres Wohlstands widme, geschichtsvergessen, vergangenheitsblind, und dass die Kenntnis der traditionsbildenden Werke, von der Bibel bis zu den Klassikern der Weltliteratur, nur noch unter Spezialisten oder vom Aussterben bedrohten Bildungsbürgern verbreitet sei.

Das ist nicht ganz falsch, und ob die derzeit grassierenden Kanonbildungen daran etwas ändern können, ist ungewiss. Man kann aber vermuten, dass ein Gedenkwahn, der nur noch Jahrestage abarbeitet, zu nichts Gutem führt. Ob ein Ereignis prägend und für uns von Bedeutung sei, hängt nicht davon ab, dass es im dpa-Gedenktagekalender, von dem wir oben einen kleinen Auszug brachten, vermerkt ist.

Die Kunst bestünde darin, das Vergangene derart zum Leuchten zu bringen, dass es die Gegenwart erhellt. Dafür braucht man jemanden, der es anzündet und sich an ihm entzündet. Weil das allzu oft nicht gelingt, gleicht unsere Gedenkkultur jenem blakenden Geflacker, das man in den dunklen Ecken alter Kirchen findet, wo die Gläubigen ihren Toten ein Lichtlein aufstecken. Davon wird keiner lebendig.