Früher wählte man einen Felsenhügel zum Wohnort, um vor Feinden und Sintfluten sicher zu sein, heute tut man dies, um dem zivilisatorischen Stress zu entkommen. Verena Neff und Theo Schneider jedenfalls hatten die Nase voll. Die Übersetzerin und der Architekt fühlten sich von ihren Berufen zunehmend aufgerieben. Als sich ihnen dann vor 14 Jahren die Gelegenheit bot, schlugen sie zu: Sie übernahmen eine der urtümlichsten Burganlagen des Trentino und mit dieser einen Hotel- und Restaurantbetrieb. "Kein Ausstieg", betont Theo Schneider, "sondern ein Neueinstieg." Weder er noch sie hatten jemals im Gastgewerbe gearbeitet.

Zumindest in topografischer Hinsicht bedeutete dies einen Aufstieg – aus dem Zürcher Unterland auf die Spitze des markanten Tegazzo-Hügels. Vom Städtchen Pergine aus führen nur ein paar steinige Wanderwege und ein Teersträßchen hinauf zur Burg. Oben angekommen, atmet man erst mal tief durch: Aus der Nähe wirkt das Gemäuer noch abweisender als vom Tal aus. Schließlich war die mittelalterliche Wehrburg kein prunkvoller Herrscherpalast, sondern strategischer Außenposten Tirols. Während seiner Blütezeit im frühen 16. Jahrhundert residierten hier die Hauptleute des Trienter Fürstbischofs, die das düstere Ensemble zu einer etwas komfortableren Wohnburg umbauten.

Verena Neff ist heilfroh, dass es wenigstens in der deutschen Sprache den Unterschied zwischen Burg und Schloss gibt. Sie will ihren Kunden nämlich nichts vormachen. Jedes dritte ihrer Gastzimmer hat weder Dusche noch Toilette. Zunächst hatten die beiden Autodidakten auf italienische Gäste gesetzt. Doch die Italiener rümpften die Nase. Ohne TV, Bad und Bidet geht da gar nichts. So sind es vor allem deutsche und Schweizer Gäste, die sich auf den Charme der Einfachheit einlassen – und einige unverdrossene Amerikaner, Australier und Japaner. Es sind Leute, die das spezielle Flair des Ortes ebenso zu würdigen wissen wie die exquisiten Vier-Gänge-Menüs der Halbpension. "Wir haben zwar nur einen Stern, aber hundert Monde", erklärt Verena Neff ihren Erfolg – zwei Monde für die Schokoladentorte, fünf für den sonnigen Garten im Innenhof und einen weiteren für den absolut friedfertigen Schlosshund Poldo, einen russischen Terrier mit erstaunlichem Stockmaß.

Schon beim Betreten der steingepflasterten Vorhalle, dem einstigen Waffensaal, ist man überwältigt. Im Zentrum des Raums, der die natürliche Hangschräge aufnimmt, steht ein mächtiger achteckiger Mittelpfeiler, von dem das Kreuzgewölbe ausgeht. Über eine Wendeltreppe erreicht man den als Café und Leseraum verwendeten Rittersaal. Im Unterschied zu den meisten Rittersälen ist dieser nicht düster. In holzgetäfelten Fensternischen sitzend, genießt man einen fantastischen Blick auf die sich in der Ferne auftürmenden Brentadolomiten – und schaut doch meistens nach drinnen: in einen der schönsten und vollkommensten Räume der oberitalienischen Gotik.

Mindestens zehn weitere Monde verdient das Castello für die Omnipräsenz zeitgenössischer Kunst. Jedes Jahr wird ein renommierter italienischer Künstler eingeladen, für die gesamte siebenmonatige Öffnungszeit Skulpturen und raumbezogene Installationen im inneren und äußeren Burghof zu zeigen und auch die prominentesten Innenräume zu gestalten. Die Ausstellung wird zwar von Provinz und Stadt mitfinanziert, verschlingt aber einen Großteil der Einnahmen aus Hotel und Restaurant. Sie reichen dem eigenwilligen Pärchen gerade für die vier Monate im Winter, in denen es das Burgtor verschließt. Die bizarre Mixtur von erstklassiger Küche und drittklassigem Komfort rettet die beiden Einsiedler vor dem Angriff des Geldadels – und der Sintflut des Massentourismus.

Gerhard Fitzthum