Nein! Eckhart Tolle lehrt, nein zu sagen. Er will den mentalen Lärm abstellen. Er will Form und Zeit eliminieren. Er will die Statik des Gedankengebäudes zum Einsturz bringen. Er will fließendes Bewusstsein. Er will das reine Jetzt, den Moment. Er will die Herrschaft des ES. Räsonnement will er nicht. Eine bessere Welt auch nicht. Zumindest sagt er es nicht. Er spricht von sich in der dritten Person, nennt sich "Eckhart" oder "der Sprecher". Ich sagt er nie. Wahres Erwachen bedeutet Auflösung der personalen Identität. Erwachen ist das Spüren der Stille im Raum. Ich hingegen ist der höchste Ausdruck eines permanent Erfüllung suchenden Elementarteilchens in einer hyperaktiven Leistungsgesellschaft. Für das Erwachen braucht man ein anderes Bewusstsein. Welches, das ist an dieser Stelle noch nicht ganz klar.

Eckhart Tolle ist die inszenierte Verkörperung des Antizeitgeists, der die Logik spätkapitalistischer Wunschbefriedigung mit vormoderner Mystik aushebelt. Nichts sein wollen. Nichts inszenieren müssen. Einfach sein. Er tritt auf als Wiederentdecker der Langsamkeit, als Apologet der Askese. Ist innerer Widerstand da: gut. Ist keiner da: auch gut. Es ändert am Bewusstsein nichts. Es ist, was es ist. Es ist, wie es ist. Und so ist es gut.

Was ein bisschen nach antimodernistischer Küchenphilosophie klingt, ist heftig en vogue; der Antizeitgeist blüht. Die spätmodern verfassten Subjekte setzen sich seit kurzer Zeit überaus intensiv mit persönlichem Wachstum und eigener Kreativität auseinander, und das hat nichts mit der Lebenshilfe nach Art von Frauenmagazinen zu tun, vielmehr mit dem tiefen Bedürfnis nach zeitlosen Weisheiten und der Schöpfung eigener Energiefelder.

Wo immer Eckhart Tolle in der Welt auftritt, sind Hallen und Säle ausverkauft. Er spricht vor Tausenden Amerikanern, Deutschen, Briten, Schweizern. Sein Buch Jetzt! Die Kraft der Gegenwart hat sich, in 32 Sprachen übersetzt, in den vergangenen fünf Jahren nach Angaben des Verlages weltweit dreimillionenmal verkauft. Tolle schreibt darin über das Unmanifeste, den inneren Körper, den Zustand von Gegenwärtigkeit, die Bedeutung von Hingabe und schildert sein Klick!, das eigene Erwachen, damals, 1977, im Alter von 29 Jahren. Er wurde in Dortmund geboren, verweigerte sich dem Leistungsdruck der Schule, verließ Deutschland mit 13, ging zu seinem Vater nach Spanien, siedelte nach England über, machte das Abitur nach, studierte in London und Cambridge Romanistik, lernte Stephen Hawking kennen, litt unter Depressionen, Angstgefühlen und Selbstmordabsichten. Dann löschte in einem fast magischen Moment eine tiefe spirituelle Transformation, Klick!, seine alte Identität praktisch aus. Er fühlte, wie er in eine Leere ohne Angst "hineingesaugt wurde", driftete ohne Wohnsitz umher, beriet Freunde und Freundesfreunde. Aus den Freunden wurden Anhänger, aus den Anhängern eine Gemeinde, und Eckhart begann, von der Gemeinde gedrängt, öffentlich zu reden, zog 1993 nach Kalifornien, dann nach Vancouver, wurde zum Lehrer von Hollywood-Größen und ist von Profession, so könnte man sagen, Handlungsreisender der spirituellen Erweckung.

Was im Gewand einer charmant gestotterten, manchmal süffisant, manchmal kabarettistisch hingescherzten Massenmystik daherkommt, ist nichts weniger denn radikale Zivilisationskritik, die Weltentzug predigt und die Suspension des Denkens zugunsten einer neuen Evolution fordert. Vor kurzem noch, Mitte bis Ende der neunziger Jahre, in der Blüte der New Economy, peitschten die Diktatoren des Optimismus zu unbedingtem Erfolg und Reichtum. Lebensbejahung war Erfolgsbejahung. Erfolgsbejahung Selbstwertsteigerung. Es zirkulierten die großen Parolen der Selbsterhebung, die in schierer Kraftprotzerei die unerhörte Kraft des positiven Denkens beschworen: "Du schaffst es!", "Gib niemals auf!" Wer an den Erfolg denke, werde ihn haben; wessen Wille stark genug sei, der werde vom Huhn zum Adler.

Der Proklamation des Willens zur Tat folgt jetzt die Einkehr über den Willen zur Tatenlosigkeit. Im Angesicht des globalisierten Nihilismus predigen die unspektakulären Antipoden der Motivationstrainer die Erfolglosigkeit. Erfolg sei dinglich, sagen die Meister der Stille, jedes Ding sei Gegenstand, und Gegenstände könnten, da die ökonomische Logik auf stete Steigerung und Vermehrung ausgerichtet sei, nicht glücklich machen. Erfolg sei Wahnsinn. Zivilisation sei Wahnsinn. Zivilisation sei Realitätsflucht, weil sie nur Antworten im Konsum suche. "Die Welt", legt Eckhart Tolle seinen 850 Abendschülern nahe, "ist zum größten Teil verrückt."

Er will sie verführen, tiefer in den inneren Körper zu gehen, hinter das Denken, hinter die Zwanghaftigkeiten, die Hetze, die Erwartungen an den nächsten und den übernächsten Moment, diese krank machende Zielgerichtetheit gekränkter Zielloser. "Was die Welt für Erfüllung hält, ist nur Illusion, ein Gedankengebäude." Eckhart Tolles Weltbild ist auf komplizierte Weise geradezu simpel: Er vertritt einen metaphysischen Eklektizismus aus Existenzialphilosophie und buddhistischer, taoistischer, hinduistischer und christlicher Esoterik, deren Essenz denselben Ursprung hat: die All-Energie, das ES. All das ohne Gottesbezug und Gottesbeweis, ohne Credo, ohne Offenbarung. Durch das Energiefeld seines Körpers ist das Subjekt mit der energetischen Quelle verbunden. Das ist die alte Weisheit mittelalterlicher Mystiker, aufgefahren als Kampfgeschütz gegen eine aus den Fugen geratene Weltgesellschaft mit Selbstzerstörungsdrang. Dieses spirituelle Patchwork ist Ausdruck eines Gegenwartsgeistes, mit dem sich die Erleuchteten gegen die Gegenwart selbst wenden. Wer will, mag darin zumindest eine Merkwürdigkeit entdecken. Unbestreitbar ist, dass Eckhart zur rechten Zeit am rechten Ort ist, um die Müden und Schlafenden zu wecken.