Währenddessen blühten die Spekulationen. Entführungsszenarien wurden farbig ausgemalt und sogar der Freitod des Vermissten gemeldet: "Dr.John stürzte sich aus dem Fenster / Abwehrchef endete durch Selbstmord in Ost-Berlin", tischte das Hamburger Echo am 24. Juli seinen Lesern auf. Doch bald schon verfestigte sich in der westdeutschen Öffentlichkeit wie auch in der ausländischen Presse ein Bild, das keinen Raum mehr für ernsthafte Zweifel an der Freiwilligkeit des Übertritts ließ. Es galt jetzt als sicher, dass John, aus welchen Motiven und in welcher mentalen Verfassung auch immer, aus freien Stücken in die DDR gegangen und nun ohne Skrupel bereit war, den dortigen Machthabern mit dem ganzen Gewicht seiner Prominenz dienstbar zu sein.

Dass niemand mehr die von der konsternierten Bonner Regierung vertretene Entführungsthese für plausibel hielt, hatte handfeste Gründe, die John selbst lieferte: Am 11. August 1954 trat er in persona in einer vom Ausschuss für Deutsche Einheit einberufenen und von Wilhelm Girnus, einem Mitglied des Zentralkomitees der SED, geleiteten Pressekonferenz vor die Öffentlichkeit. Er verlas ein langes Statement voller Anklagen gegen "Herrn Dr.Adenauer" und die von ihm betriebene Politik der Stärke sowie gegen die Amerikaner, die "einen neuen Kreuzzug gegen den Osten" vorbereiteten. Und weiter: "Ich stehe hier, weil mich die Sorge um das Schicksal des deutschen Volkes bewegt und weil ich nirgendwo im Westen – bestimmt aber nicht in der Bundesrepublik – eine solche Plattform zur Verfügung gestellt bekommen hätte. Dafür ist in der Bundesrepublik die Restauration der Kräfte, die einst den Nationalsozialismus an die Macht gebracht und getragen haben, schon viel zu weit fortgeschritten." Er habe sich daher "nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben". Hier sehe er die besten Möglichkeiten, für die Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.

Anschließend beantwortete John fast eine Stunde lang die Fragen der amerikanischen, britischen, dänischen, deutschen und französischen Journalisten. Er tat das auf eine Art, die als selbstsicher und unbefangen empfunden wurde. Danach stand das Fazit fest: "Die bisherige offizielle Bonner Ansicht, dass sich John nicht freiwillig im Ostsektor aufhalte, ist nach der Pressekonferenz völlig zusammengebrochen" (Stuttgarter Zeitung). Die Neue Ruhrzeitung sprach von einem "politischen Fiasko"; die Bundesregierung solle nun aufhören, "den Fall zu verdunkeln und die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen". Andere Blätter konstatierten eine Staatskrise und forderten Ministerrücktritte.

Die DDR hingegen frohlockte. Eine Broschüre des Ausschusses für Deutsche Einheit mit dem Titel Ich wählte Deutschland dokumentierte wenig später im Wortlaut, was John am 11.August vor der Weltpresse gesagt hatte. Als Zugabe finden sich dort Briefe von Bürgern aus Ost und West, in denen er zu seinem mutigen und patriotischen Schritt beglückwünscht wird.

Dank des Zugangs zu den Akten des Staatssicherheitsdienstes der DDR wissen wir heute Genaueres über die Behandlung, die dem so unverhofft im kommunistischen Machtbereich Gestrandeten dort zuteil geworden ist. Ein Konvolut von 24 Bänden gibt Auskunft. Natürlich ist John alsbald dem sowjetischen Geheimdienst zugeführt und von den KGB-Offizieren ausgiebig befragt worden. Kopien der Protokolle dieser Verhöre, die von Ende August bis Mitte Dezember 1954 in Moskau stattfanden, sind seinerzeit dem MfS überlassen worden. Bernd Stöver hat sie 1999 in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte vorgestellt und kommentiert (Der Fall Otto John). Es ist klar ersichtlich, dass John Dienstgeheimnisse und Amtsinterna preisgegeben hat.

Politisch blieb er, der sich in der DDR relativ frei bewegen konnte, ein Einzelgänger ohne Einfluss. Nur einer seiner wenigen öffentlichen Auftritte findet noch eine freilich höchst kritische Resonanz: der Beitrag Begegnung mit Thomas Mann, den die Berliner Zeitung am 22. Mai 1955 veröffentlichte. Darin berichtet John, der 80-jährige Dichter habe ihm "trotz seiner starken Inanspruchnahme durch die offiziellen Feierlichkeiten anlässlich der Schiller-Ehrung in Weimar die Zeit zu einer persönlichen Unterhaltung" geschenkt. Thomas Mann erweist sich darin als treuer Freund einer genuin östlichen Optik des Weltgeschehens: "Aus seinen Worten sprach die Erschütterung über den politischen Unverstand der westlichen ‚Staatsmänner‘." Von der "militaristischen Politik des Pentagon" bis hin zum Antikommunismus selbstgefälliger "‚christlicher Demokraten‘" fand nichts Westliches Gnade vor dem Auge des Dichters. Dass "auch er die Politik der Bundesregierung mißbilligt", wird als "Fazit der Aussprache" mit Genugtuung vermerkt.

Zu Johns oft als labil beschriebener Persönlichkeitsstruktur will es passen, dass er die Thomas Mann in den Mund gelegten Aussagen weitgehend frei erfunden hat. Später wird John zu seiner Entlastung sagen, die Stasi habe ihn zu dem Interview genötigt, und er habe darin eine Chance gesehen, den hohen Gast auf die eigene Notlage aufmerksam zu machen (was dann freilich nicht geschehen ist).

Das Nachspiel blieb nicht aus. Als sich zwei Wochen darauf, am 6. Juni 1955, eine DDR-Delegation zum Geburtstagsempfang im Hause Mann in Kilchberg am Zürichsee einfand, beschwerte sich Erika Mann "heftig wegen der von Dr. John in unserer Presse veröffentlichten Notizen über sein Gespräch mit Thomas Mann in Weimar". Nichts von dem entspräche der Wahrheit. "Das Gespräch habe sich rein zufällig auf Drängen von Dr. John im Augenblick der Abfahrt aus Weimar ergeben, und im Grunde genommen wäre es nichtssagend ausgegangen." So ist es nachzulesen in dem Brief, den Walter Janka, damals Leiter des Ostberliner Aufbau-Verlags, nach seiner Rückkehr an den Minister für Kultur Johannes R. Becher richtete. Es war Janka, der Thomas Mann ein paar Tage zuvor in Kilchberg zusammen mit dem Schriftsteller Stephan Hermlin und dem Bildhauer Gustav Seitz die Glückwünsche und Geschenke der DDR zum 80.Geburtstag überbracht hatte. Erika Mann habe ihn nachdrücklich gebeten, dem Minister mitzuteilen, "daß sich Thomas Mann sehr über Dr.John und seine Notizen geärgert habe".

Am 20. Juli 1955, dem Jahrestag des Übertritts, erschien in der Deutschen Woche , einem westdeutschen Blatt linker Provenienz, ein offenkundig authentisches Interview, in dem John erstmals auf die Umstände seines Lebens in der DDR eingeht. "In meinem Haus am Zeuthener See", heißt es da, "bleibt mir genügend Zeit, um private Studien zu treiben." Im Übrigen habe man respektiert, "daß ich kein Kommunist bin, sondern meiner bürgerlich-liberalen Einstellung treu bleiben werde". In einem Buch, an dem er arbeite, werde er noch eingehender die Gründe seines Übertritts schildern. Wäre er "zu der Überzeugung gekommen, daß die Sowjetunion einen Krieg will und Europa zu bolschewisieren trachtet, dann wäre ich nach Westberlin zurückgegangen". Es gäbe für ihn "viele Mittel und Wege, ungehindert zurückzukehren. Ich habe jedoch keine Lust, mich in Westdeutschland verhaften zu lassen."