Angesichts schrecklicher Schicksale sind die Maßstäbe der Kritik Nebensache. Beim Tagebuch der Anne Frank ist egal, ob es gut geschrieben ist. Es erschüttert, weil sie darin ihr Leben offenbart, ohne zu wissen, was wir wissen müssen. Ähnlich verhält es sich mit Charlotte Salomon, die mit 26 Jahren in Auschwitz ermordet wurde. Nach dem Krieg fanden sich in einer Holzkiste mehr als 1300 Gouachen mit dem Titel Leben? oder Theater? Mit mädchenhafter Inbrunst und expressivem Pinselstrich kommen diese Memoiren einer Tochter aus gutem Hause daher. Eine Auswahl der Werke aus dem Joods Historisch Museum in Amsterdam zeigt derzeit das Frankfurter Städel (bis zum 22. August). Entstanden ist der Bilderzyklus innerhalb zweier Jahre im Exil.

Charlotte Salomon musste für eine Zeit "von der menschlichen Oberfläche verschwinden", wie sie auf einem der Blätter vermerkt, "um sich aus der Tiefe ihre Welt neu zu schaffen". Sie lässt die eigene und die deutsche Geschichte Revue passieren - malend kommentiert sie Hochzeiten und Todesfälle, Naziaufmärsche und Pogrome. Zuweilen erinnern die kleinformatigen Blätter an bunte Wimmelbilder, auf denen sich die Details zauberhaft verlieren. In den Sätzen auf den Bildern schlägt Salomon einen aufgekratzt traurigen, frechen Ton an. Ein eigenwilliges Werk, das jetzt durch Deutschland tourt, von Frankfurt über Chemnitz nach Berlin.