Es gibt Bewohner der irakischen Hauptstadt, die sich ärgern, weil sie nicht rechtzeitig eingekauft haben – nicht rechtzeitig vor der offiziellen Übergabe der Souveränität an die Regierung des Ministerpräsidenten Ijad Allawi. Der 30. Juni war für diese Zeremonie geplant gewesen. Plötzlich wurde bekannt, dass dieses seit Monaten herbeigeredete Ereignis auf den 28. Juni vorverlegt worden war. Aus Sicherheitsgründen habe man das getan. Die Terroristen sollten keine Gelegenheit haben, das Ereignis mit Attentaten zu begrüßen. Das Sicherheitsargument können Iraker nachvollziehen, auch jene, die nicht mehr Zeit zum Einkaufen hatten. Schließlich wollten sie genau deshalb möglichst viele Lebensmittel zu Hause horten. Sie fürchteten sich vor dem 30.Juni. Dann ging alles schnell und leise über die Bühne. Wie ein peinliches Objekt schob man die Souveränität vorzeitig den Irakern zu. Und schon war’s vorbei.

So gespenstisch diese Art Staatsakt war, so unwirklich waren in Bagdad die Tage davor. Viele fühlten sich in den März 2003 zurückversetzt, als man zwar wusste, dass der Krieg kommen würde, aber nicht genau wann, wie und wo. Klar war damals, wer zuschlagen würde, nämlich die stärkste Armee der Welt. Diesmal aber duckten sich die Iraker vor einem unsichtbaren, grausamen Feind, der jeden Tag Dutzenden von ihnen den Tod bringt. Der allgegenwärtige Terror lähmte die Menschen. Viele Iraker gingen vor dem 30. Juni nicht mehr an ihren Arbeitsplatz. Sie blieben zu Hause und wagten sich nur auf die Straße, um die nötigsten Besorgungen zu machen. Sie stellten sich viele Fragen und hatten darauf kaum Antworten.

Was würde geschehen, wenn die US-Soldaten sich nun doch plötzlich in ihre Kasernen zurückzögen? Würde es wieder zu Plünderungen kommen, wie unmittelbar nach dem Sturz Saddam Husseins? Würden wieder Anarchie und Chaos regieren? Wer konnte für Ordnung garantieren?

Die Regierung bemüht sich in diesen Tagen, diese Ängste zu beschwichtigen. Sie schickt viele Polizisten auf die Straße, auch ein paar Patrouillen der "Nationalgarde", die den Kern der neuen irakischen Armee bilden sollen. Die Soldaten wirken etwas verloren in ihren zu großen Uniformen. Ihre Waffen sehen im Vergleich zu denen der US-Soldaten altertümlich und wenig vertrauenerweckend aus. Auf den großen Plätzen der Stadt sind Plakate zu sehen, die einen Polizisten mit ausgestrecktem Zeigefinger abbilden. Dazu der Satz: "Ich arbeite für die Sicherheit meines Landes. Was machst du?"

Die Polizei wird die Hauptlast der Arbeit tragen müssen. Jene Polizei, die sich schon in der Vergangenheit immer wieder darüber beklagte, dass sie für den Kampf gegen den Terror nicht gerüstet sei, dass sie keine Mittel habe, um sich gegen Leute zu wehren, die mit Mörsern und Raketen angriffen. Viele Polizisten machen zudem keinen Hehl daraus, dass sie die Besetzung des Landes ablehnen und dass sie nur mangels Alternativen die neue Multinationale Truppe (MNF) akzeptieren. Gleichzeitig schlägt den Polizisten das Misstrauen der Amerikaner entgegen. Das US-Militärkommando hat inzwischen eingestanden, dass sich unter den Polizisten Rebellen eingeschlichen haben. Brigadegeneral Martin Dempsey sagte in einem Interview mit der BBC: "Nur 50 Prozent der Polizisten führen die Arbeit aus, für die sie ausgebildet worden sind, 40 Prozent desertieren wieder, 10 Prozent arbeiten gegen uns." Keiner also vertraut dem anderen in diesen Tagen – und das ist auch ein Ergebnis des Terrors.

Harte Auseinandersetzungen unter konservativen Sunniten

Die selbst für irakische Verhältnisse besonders blutigen Attentate der vergangenen Woche haben auch in den Köpfen mancher irakischer "Hardliner" etwas verändert. Auf seinem Freitagsgebet in der Bagdader Moschee Um al-Qora sagt Scheich Ahmed Abdul Rafur al-Samarrai: "Wir lehnen diese Angriffe ab, weil sie sich nicht gegen die Besatzung richten, sondern gegen die irakische Bevölkerung. Der Islam verbietet es einem Iraker, seine Waffe gegen einen anderen Iraker zu richten. Jene, die das machen, wollen den irakischen Widerstand diskreditieren. Der echte Widerstand richtet sich gegen die Besatzer und nicht gegen Iraker!" Man muss wissen, dass die Moschee Um al-Qora ein Ort ist, der die Stimmung konservativer irakischer Sunniten wiedergibt. Das gilt auch für die Moschee Abu Hanifa im Bagdader Stadtteil Adhamiya. Scheich Ahmed Hassan al-Tahir verteidigt bei seinem Freitagsgebet zwar das "Recht auf Widerstand", fügt aber hinzu, dass "Widerstand nicht aus Selbstmordattentaten bestehen kann. Er muss auch politische Ziele formulieren können!"

Diese Gedanken sind relativ neu, denn bisher haben konservative Sunniten den Terror gegen Iraker zwar abgelehnt, aber sie haben dafür immer nur "ausländische" Kämpfer verantwortlich gemacht. Jetzt sind sie zu der Überzeugung gelangt, dass auch Iraker für die Attentate verantwortlich sind. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Die Terrorwelle der vergangene Woche hat vor allem mehrheitlich sunnitische Städte getroffen, Bakuba und Falludscha. Die sunnitischen Mullahs wittern eine politische Gefahr. Sie befürchten, dass der Widerstand, dem sie bisher zugestimmt hatten, von den Terrorgruppen wie jener von Abu Mussab al-Sarqawi "usurpiert" wird. Was die Mullahs heute noch als Widerstand adeln wollten, könnte morgen Männern wie al-Sarqawi nutzen. Es ist also eine harte Auseinandersetzung innerhalb der konservativen Sunniten im Gange.