Brüssel. Manchmal, sehr selten, ist das politische Leben schöner als Fußball. Am vergangenen Donnerstag beispielsweise, als Tony Blair seine englische Fußballnationalmannschaft scheitern sah, dürfte ihn eine andere Nachricht getröstet haben. In Windeseile hatte sich unter Eingeweihten verbreitet, wer neuer EU-Kommissionspräsident werden sollte, und diese Wahl war ganz nach Blairs Gusto: José‚ Manuel Durão Barroso, der portugiesische Regierungschef, ein konservativer Neoliberaler und überzeugter Transatlantiker.

In Berlin wartete man da noch auf einen Anruf. Und wartete. Erst am Samstagnachmittag rief der irische Premier Bertie Ahern, der seit Tagen mit der schwierigen Suche beschäftigt war, im Kanzleramt an. Formal musste der amtierende EU-Ratsvorsitzende seinen Vorschlag noch von Gerhard Schröder absegnen lassen. De facto gab es zu dem Zeitpunkt für den Bundeskanzler keine Wahl. Längst hatten die meisten Regierungschefs dem Portugiesen ihren Segen gegeben, manche erfreut, andere ermattet von der langen Suche oder entmutigt vom Mangel an besseren Alternativen. So blieb Schröder nur zweierlei: entweder einen großen europäischen Krach vom Zaun zu brechen - oder das lustlose "Ja".

"Das ist das Ende des Endes der deutsch-französischen Führung", kommentiert die spanische Zeitung El Pa¡s. Endlich habe die "Hegemonie des arroganten Duos" ein Ende, tuscheln in Brüssel auch Diplomaten, sichtlich genervt von den dauernden Umarmungen Chiracs und Schröders. Ihre Schadenfreude können sie dabei kaum verhehlen, aber auch nicht ihre Ratlosigkeit, wer statt jener Europa die Richtung weisen soll.

Dabei werden die Spielregeln längst energisch umgeschrieben. Und zwar ausgerechnet durch die Briten. Durch stille Diplomatie und laute Drohungen, getragen von der wachsenden Euroskepsis in der Union und motiviert durch ihre ständige Furcht vor einem zu mächtigen Brüssel, haben sie mehr als jede andere Nation die EU in den vergangenen Monaten nach ihren Wünschen modelliert. Und diese Personalentscheidung passt ihnen bestens.

Warum Barroso? Der Mann ist in Europa keine Größe, er hat nicht mit Reden, Visionen oder Taten auf sich aufmerksam gemacht. "Konservativ, farblos und aus einem kleinen Land", sagt ein Brüsseler Diplomat, und dann fällt auch ihm nicht viel mehr zu dem Portugiesen ein als das böse Wort vom "kleinsten gemeinsamen Nenner". Tatsächlich ist der 48-jährige Barroso das Überbleibsel eines tagelangen Hickhacks, in dem die rivalisierenden Regierungschefs alle starken Kandidaten demontierten. Der Belgier Guy Verhofstadt wurde verhindert, weil ihn die Engländer zu europhil fanden. Der Engländer Chris Patten durfte nicht, weil er kein Französisch konnte. Den Franzosen Michel Barnier wollten wiederum die Engländer nicht. Die Linken lehnte das mehrheitlich rechte EU-Parlament ab. Die glühenden EU-Fans und die EU-Zweifler mussten von der Liste, weil beide zu sehr polarisierten. Und die restlichen Kandidaten schieden aus, weil ihre Länder entweder beim Euro oder bei der gemeinsamen Grenzsicherung nach dem Schengen-Abkommen nicht mitmachen. So blieb am Ende nur noch Barroso. Ein Mann, den im eigenen Land kaum jemand mag (gerade verlor seine Partei die Europawahlen in Bausch und Bogen) und den in Brüssel kaum jemand kennt.

In britischem Kalkül aber macht diese Wahl durchaus Sinn. Noch nie wollten die Briten einen starken, beliebten Kommissionspräsidenten, einen, der möglicherweise allein durch seine Persönlichkeit die Macht Brüssels mehren könnte. Deswegen gab es in Belgien auch ein Déjàvu-Gefühl, als Blair vor wenigen Tagen dem führungsstarken Regierungschef und deutsch-französischen Favoriten Verhofstadt die europäische Karriere verbaute. Vor einem Jahrzehnt hatten die Briten nämlich gegen den belgischen Christdemokraten Jean-Luc Dehaene ihr Veto eingelegt. Selbst Jacques Delors, einer der einflussreichsten Präsidenten der EU-Kommission, bekam den Job nur, weil ihn Maggie Thatcher für einen Schwächling hielt - ein Irrtum, den sie schnell korrigieren musste.

Mit Barroso hofft Blair, gegen solche unangenehmen Überraschungen gefeit zu sein. Zwar gilt der Mann als Anhänger der europäischen Integration. Doch was heißt das heute noch? In der Wirtschaftspolitik neigt der ehemalige Maoist den Marktliberalen und damit den Briten zu. Er könnte also schon bald mit dem künftigen Superkommissar für Industrie, den sich die Bundesregierung so sehnlich wünscht, aneinander geraten. In der Justizpolitik gehört er zu den Verfechtern von Law and Order. Und außenpolitisch steht er so fest im Lager der Transatlantiker, dass sich Verschwörungstheoretiker schon fragen: Ob die Amerikaner da nachgeholfen haben ...? Ausgerechnet auf einer Pressekonferenz des europäisch-amerikanischen Gipfels wurde die Kandidatur des Portugiesen offiziell bestätigt. Zur Freude von George W. Bush.