Zum ganz engen Kreis der europäischen Bush-Freunde gehört Barroso zwar nicht. Doch während des Irak-Krieges machte der Mann, der mehrfach in den USA gewohnt hat, keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er stand: Er unterschrieb den legendären Brief der Acht, der den US-Feldzug unterstützte und die EU in einen bitteren Zwist zwischen Kriegsgegnern und Befürwortern stürzte. Und er war Gastgeber des umstrittenen Azoren-Gipfels, auf dem Blair, der Spanier José‚ María Aznar und Bush ihre Verbundenheit demonstrierten. Doch Barroso war geschickt genug, sich die Sympathie der alten Europäer nicht gänzlich zu verscherzen. Beim Gipfel hielt er sich im Hintergrund, auf den offiziellen Fotos sind nicht einmal seine Hände zu sehen. Und er blieb selbst auf dem Höhepunkt der Krise in Kontakt mit Jacques Chirac, und zwar in bestem Französisch.

Sprachkenntnis und Geschick wird er in den kommenden Monaten brauchen. Am selben Tag, an dem seine Kandidatur bekannt gegeben wurde, trat in Tschechien Premierminister Vladimir Spidla zurück, im Nachbarland Polen kämpfte die Regierung um ihre Zukunft. Ein typischer Tag im neuen Europa. Viel häufiger als seine Vorgänger wird Barroso all sein diplomatisches Gespür brauchen, um mit Minderheitsregierungen, Übergangskandidaten und wahlkämpfenden Regierungschefs über europäische Projekte zu verhandeln. Dazu kommt dann noch alle paar Monate in einem anderen Land ein Referendum über die EU-Verfassung, das schnell zum Tribunal über die EU werden kann.

Auch hier hat Blair eine Schleuse geöffnet. Seit er ein Referendum für die Insel angekündigt hat, brechen allerorten die Debatten über Volksbefragungen neu auf. Selbst in Frankreich werden - vor allem in der erstarkenden Linken - die Forderungen nach einer Abstimmung immer lauter. Der britische Premier hat Europa den Eliten entrissen und den Völkern vor die Füße geworfen, lautet die positive Deutung dieser Strategie. Und die negative: Blair blockiert die EU und missbraucht die Völker für eine Abstimmung über eine Verfassung, die er zuvor schon bis zur Unkenntlichkeit gestutzt hat: Auch mit ihr kann die gemeinsame Außenpolitik weiterhin durch Vetos blockiert werden, ebenso die Steuerpolitik. Auch sie erschwert den Weg zu einem Kerneuropa der ambitionierten Integrationisten. Und ihre Abstimmungsregeln kann niemand mehr verstehen. Ironischerweise scheinen diese Erfolge dem Mann in der Downing Street kaum zu nutzen: Für die britische Boulevardpresse hat Blair die Insel an den europäischen Superstaat verkauft - und ihre Leser scheinen es zu glauben. Würde das geplante Referendum über die Verfassung morgen stattfinden, stimmten die meisten wohl mit "no". Und dann? Für Blairs Amt wäre es gewiss das Ende - womöglich auch für Großbritanniens EU-Mitleidschaft?

Analogien zum Fußball wird der Premier in diesem Fall kaum bemühen. Schließlich war es ein Portugiese, der England bei der Europameisterschaft 2004 hinauskickte.