Ein in Deutschland wohl einmaliges Archiv für bildende Kunst, Kunsthandwerk und Kunstmarkt erweitert nun zehn Jahre lang als Leihgabe das Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin. Der in Hamburg lebende frühere Galerist und Kunsthändler Werner Kittel, seit den achtziger Jahren auch vereidigter Gutachter und Sachverständiger, hat es in rund vierzig Jahren privat zusammengetragen. 300 Meter Regale füllte er mit Archivalien aus in- und ausländischen Ausstellungs-, Messe- und Auktionskatalogen - dazu hat er Tages- und Wochenpresse, Magazine und Fachpublikationen ausgewertet und zugeordnet, sodass sie auf einen Blick und mit einem Griff nach Namen, Themen und Sachgebieten er fassbar sind.

Dokumentiert sind 150 000 Künstlerbiografien, zudem 300 000 Quellenquerverweise zu Malerei, Plastik, Grafik, Fotografie, Design und Kunsthandwerk. Bis ins Mittelalter zurück reichen seine Dokumente über Verkauf, Verbleib und Beschaffenheit von Stücken aus Glas und Keramik, über Möbel, Silberarbeiten und Schmuck. In der Bundeshauptstadt steht das umfangreiche Archiv ab sofort Kunsthändlern, Museumsleuten und Wissenschaftlern nach Anmeldung offen. Das Expertenteam des Versteigerungshauses Villa Grisebach war bereits das erste, das um eine Führung gebeten hat.

Die archivierten Originaldokumente und Kopien zeigen Preisentwicklungen auf und machen die Stationen vieler Kunstwerke und Objekte - natürlich auch solche aus ehemals jüdischem Besitz - rekonstruierbar. Für Provenienzforscher eine bisher unausgeschöpfte Quelle. Dabei ist der Kunsthandel der Dreißiger das erste Feld, das nun auch digital aufbereitet werden soll. Grundlagen des jetzt dem Preußischen Kulturbesitz angegliederten Materials war das zehnbändige französische Künstlerlexikon Benezit in der Auflage von 1976, das damals etwa 180 000 Biografien von Malern, Bildhauern, Zeichnern und Grafikern erfasst hatte, dazu von 1911 an auch die Preisentwicklung ihrer Werke. Der Hamburger Archivar hat das umfangreiche Kompendium seither mit so vielen Ergänzungen versehen, dass seine ursprünglich rund 9000-seitige Einzelausgabe in 30 Bände umgebunden werden musste. Und die soll nun stetig weiterwachsen.

Das Kittel-Archiv ist inzwischen weitaus umfangreicher als die jüngste Neuauflage des Benezit-Lexikons aus der Pariser Edition Gründ. Als Herzstück des Berliner Archivs werden die Kittel-Bände als Findbücher dienen. Nach einem ausgeklügelten System werden alle Kataloge und Unterlagen auseinander geheftet und mehrfach kopiert. In mehreren Ausfertigungen werden sie dann unter vielen verschiedenen Stichwörtern einsortiert. So unterteilt Kittel beispielsweise beim Kunstgewerbe in Gattungen und Unterkategorien: Meister, Dekor, Typologie, Material, Länder, Orte, Firmen. Die Künstlermappen umfassen Biografie, Ausstellungen, Sekundärliteratur und Kataloge sowie Werke in Museen und auf dem Kunstmarkt, jeweils mit Schätz- und Zuschlagpreisen - sie sind geordnet nach dem Erscheinungsjahr der Kataloge. Auf diese Weise lassen sich von jedem Objekt die verschiedensten Aspekte effektiv und schnell recherchieren.

Das Kunst-Archiv Werner Kittel ist nun in direkter Nachbarschaft der Alten Nationalgalerie beheimatet, in den bereits Anfang der zwanziger Jahre angebauten und für die neue Nutzung jetzt speziell ausgestatteten Collonaden - funktional in Rollregalen verstaut, charmant überdacht von morbidem Deckenstuck. Für das Zentralarchiv auf der Museumsinsel ist der Hamburger Neuzugang, wie sein Leiter Jörn Grabowski sagt, "eine ideale Ergänzung". Vier Jahre lang waren Gespräche zwischen Berlin und Hamburg hin- und hergegangen, bis die Fusion zustande kam. Das Zentralarchiv verfügt über Geschäftsakten der früher Königlichen, heute Staatlichen Museen sowie über Künstlernachlässe, umfangreiche Baupläne und die Dokumentation aller Museen unter dem Dach des Preußischen Kulturbesitzes.

Außerdem kann es immerhin mit 20 000 eigenen Künstlereinträgen des 19. und 20. Jahrhunderts aufwarten. Mit der Leihgabe hat die Stiftung die Verpflichtung übernommen, das Archiv Werner Kittel zu pflegen und es mit Fachpersonal, Platz und Material auszustatten, damit es lebendig und wachsend als sinnvolles Instrument einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen kann.

Weitere Informationen zum Zentralarchiv unter der Telefonnummer 030/ 20 90 62 00, zum Archiv Werner Kittel unter 030/20 90 62 08.