"Allein, da nun der Hunger anfing, ihm unausstehlich zu werden ..." Berühmte Szene, Karl Philipp Moritz, Anton Reiser, 1785. Dem Künstler als jungem Mann knurrt der Magen, geistliche Lieder machen ihn auch nicht satt, also bittet er die gestrengen Eltern um den Schlüssel zur Speisekammer. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, erst recht in Berlin, der Hauptstadt der Depression.

Aber damit kein angehender Künstler auf die allererniedrigendste Weise bei seinen Erzeugern um ein Stücklein Brot betteln muss, gibt es jetzt das Anton-Reiser-Werkstipendium. Es ist selber eigentlich eine Art Kunstwerk, ersonnen von den Kulturmassnahmen, einem Trio von Filmemachern und Aktionisten aus Berlin (www.kulturmassnahmen.de). Bewerben kann sich bis zum 30. Juli jedermann mit Wohnsitz in der Kapitale, der ein künstlerisches Feld beackert, egal, welches. "Die Förderung ist dazu bestimmt, die Möglichkeit zu geben, geplante Arbeiten zu beginnen, Entwürfe zu realisieren und begonnene Arbeiten fortzusetzen bzw. zu vollenden" - ganz ohne wirtschaftlich-materiellen Zwang. Die raueste aller deutschen Städte hat eben doch ein weiches Herz und Sinn für literarische Tradition, jedenfalls wird die "Massnahme" unterstützt vom Hauptstadtkulturfonds und vom Bezirksamt Kreuzberg. Ach ja, worin die Unterstützung besteht? Eine warme Mahlzeit täglich, einen Monat lang. Berlin klotzt nicht, es kocht.