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DIE ZEIT : Edgar Allan Poes Erzählung Der Mann der Menge handelt von einem Mann, der Tag und Nacht durch London geht, ohne jemanden anzusprechen. Er will allein in der Masse sein. Ich dachte dabei an Sie, Anne Tismer. Sie lieben es, unter Menschen zu sein – auf der Bühne. Ihre unvergleichliche Theaterwirkung hat damit zu tun, dass Sie dabei unerreichbar allein erscheinen. Sind Sie eine "Frau der Menge"?

Anne Tismer : Das könnte sein. Was zutrifft, ist, dass ich immer dabei sein möchte.

ZEIT : Sie brauchen Nähe, aber nicht den Dialog?

Tismer : Dialog im wahren Leben, das kann ich gar nicht. Das ist mir viel zu schwierig. Viel zu anstrengend. Je größer die Gruppe, desto wohler fühle ich mich. Auch auf der Bühne. Wenn der Fokus nicht nur auf mich gerichtet ist, das ist sehr entspannend. Wenn ich direkt angesprochen werde, macht mir das Angst.

ZEIT : Sie haben Brechts Heilige Johanna gespielt und den prügelnden Schüler Fetzer in Nigel Williams’ Klassenfeind. Sie waren Regine, eine kühle Strategin der Liebe, in Musils Schwärmern, und Sie waren Shakespeares Richard II und Lady Macbeth. Sie waren das Irrlicht Ricarda in Botho StraußKuss des Vergessens, Sie waren Medea, Nora, Lulu. All diese Figuren sind bei Ihnen buchstäblich Verrückte. Sie sind dem Menschenbetrieb entzogen. Was springt da von Ihnen, Anne Tismer, auf die Figuren über? Sie selbst nennen sich Autistin.

Tismer : Aber eigentlich nur, weil mir das so oft gesagt wurde. Dann hab ich das irgendwann auch geglaubt.

ZEIT : Es scheint, als zögen Sie sich auf der Bühne vor dem Leben zurück – in die Öffentlichkeit. Kommen Sie zur Ruhe, wenn Ihnen zugesehen wird?

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Tismer : Das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass mir Leute zusehen.

ZEIT : Sie haben das gleiche Glücksempfinden ohne Publikum?

Tismer : Ja. Die Zuschauer wären eigentlich nicht nötig. Und wenn sie nicht da sind, gibt’s immer noch die Geister, die zugucken (lacht). Mir gucken immer auch die Geister zu.

ZEIT : Die Geister von Lebenden oder von Toten?

Tismer : Keine konkreten. Ich denke, dass alle Menschen, die tot sind, noch da sind. Ihre Energie bleibt.

ZEIT : Kann man mit diesen Geistern sprechen?

Tismer : Die antworten natürlich nicht. Aber ich spreche sie an. Ich mach mir das so. Manchmal ist das völlig unkonkret, und manchmal sind es bestimmte Geister. Ich sprech übrigens auch laut mit mir selbst.

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ZEIT : Sie brauchen das Publikum nicht. Was zieht Sie dann auf die Bühne?

Tismer : Was ich brauche, was für mich das Leben bunt macht, ist dieser viereckige Raum auf der Bühne und dieses abgeschlossene Stück. Ein Rahmen für das andere Leben, das ich dann durchlaufe.

ZEIT : Ist es nicht peinigend, dass es immer dasselbe Lebenslabyrinth ist, das Sie durchlaufen?

Tismer : Im Gegenteil. Da ich ja Autist bin, wie mir gesagt wurde, ist das für mich sehr angenehm. Ich bin mit dem täglichen Leben überfordert. Für mich ist es schwieriger, den Alltag zu meistern als ein Bühnenleben. Mich kostet es sehr viel Anstrengung, einen Brief einzuwerfen, eine Fahrkarte zu lösen oder einzukaufen.

ZEIT : Weil es tendenziell sinnlose Beschäftigungen sind, die zu nichts führen?

Tismer : Theater ist ja eigentlich auch sinnlos und führt zu nichts. Nein, ich habe das Alltagsleben einfach nicht gelernt. Ich habe eine große Schwester, die ein Jahr älter ist, und sie hat immer auf mich aufgepasst. Sie kann das Alltagsleben sehr gut meistern, sie hat sich nur leider irgendwann von mir getrennt.

ZEIT : Sie wissen als Schauspielerin immer schon am Tag, was Sie abends um 20.47 Uhr machen müssen – stört Sie das nicht? Da ist doch das wirkliche Leben viel spannender?

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Tismer : Das stimmt, aber das macht mir natürlich Angst. Ich habe Lebensneugier, aber die Angst ist größer. Auch im Theater übrigens, wenn man ein neues Stück anfängt und ich noch nicht weiß, was ich machen muss. Das ist dann so ähnlich wie im Leben. Der Unterschied ist, dass ich über mein Bühnenleben zwei Monate später alles wissen werde. Und außerdem ist ja unten immer einer da, der begleitet und alles kontrolliert: der Regisseur.

ZEIT : Sie haben mit Regisseuren der unterschiedlichsten Temperamente zusammengearbeitet, Peter Stein, Jürgen Kruse, Luc Bondy, Matthias Hartmann, Calixto Bieito, Dieter Giesing. Und Sie haben bei jedem Ihre Eigenart behauptet. Sie wirken, als seien Sie im Kern ihres Spiels nicht kontrollierbar.

Tismer : Es geht um die Bewegungsabläufe. Die gibt der Regisseur vor. Der innerste Kern der Figur gehört mir.

ZEIT : Gibt es Spieler, die mit Ihnen nicht zurechtkommen? Leute, die erschrecken vor der Besessenheit, mit der Sie proben?

Tismer : Es gibt schon Kollegen, für die das problematisch ist. Manche denken auch, ich will nicht mit ihnen spielen – weil ich erst mal die Abläufe kennen lernen muss, bevor ich mich auf Partner einlasse.

ZEIT : Sie gehen auf der Bühne mit Ihrer Erotik um wie mit einem Anlass zur Komik – als sei das etwas, das einem peinlich ist und das man deshalb ausstellt, dem Spott aussetzt.

Tismer : Das geschieht unfreiwillig. Ich will schon erotisch sein. Aber wahrscheinlich klappt’s nicht.

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ZEIT : In Ihre erotischen Momente mischt sich etwas Stoisches, das beinahe an Buster Keaton erinnert: Die Wirkung wird sofort gebrochen.

Tismer : Vielleicht, weil ich mich nicht traue. Ich misstraue der eigenen Wirkung. Das ist nicht mit Absicht. Im Gegenteil, ich such ja die erotischen Momente am Theater.

ZEIT : Aber Sie zeigen Erotik als ein Wunder, dem man allenfalls drei Sekunden trauen darf.

Tismer : Ja, weil ich denke, das wird jetzt blöd, das ist jetzt peinlich. Es ist mir immer auch peinlich. Aber mittlerweile denk ich: Es ist der Beruf, peinlich zu sein, also darf ich peinlich sein.

ZEIT : Haben Sie vor dem Publikum Angst?

Tismer : Manchmal hab ich noch Angst. Früher hatte ich viel Angst, sehr viel Angst. Früher hab ich mich vor Auftritten noch beinahe übergeben müssen. Es ist im Lauf der Zeit aber besser geworden. Viele meiner Kollegen sagen: Die Angst nimmt zu, je länger du den Beruf machst. Bei mir ist es durch die Arbeit mit Thomas Ostermeier (dem Intendanten der Berliner Schaubühne, d. Red.) weniger geworden. Der schonungslose strenge Umgang, den er mit sich selbst und mit anderen hat, härtet einen ab. Viel mehr kann einem dann nicht mehr passieren, wenn das Publikum kommt. Obwohl ich eigentlich gar nicht abgehärtet sein möchte. Wenn ich ehrlich bin, mag ich mich eher weich als verhärtet.

ZEIT : Wie zeigt sich Ostermeiers schonungsloser Umgang mit sich selbst?

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Tismer : Er macht sich und uns keine Illusionen über das Leben; er ist in seiner Arbeit nüchtern und klar; er bringt erst mal alles auf die unterste Ebene herunter. Das völlige Gegenteil von mir. Er hat keine Angst vor Abgründen. Oder vielleicht hat er Angst, aber er geht auf sie zu und schaut sie sich an und läuft nicht vor ihnen weg – was meine Tendenz ist. Ich möchte schlechten Situationen lieber ausweichen.

ZEIT : Aber Sie leben in Berlin. Das ist eine harte Stadt.

Tismer : Ich denke, man ist in Berlin am nächsten dran an der Realität, an der Jetztwelt. Wenn ich in andere deutsche Städte gehe, denke ich: Das ist zeitversetzt nach hinten. Deutschland hat viele Konflikte, mit denen es sich auseinander setzen muss, und in Berlin spürt man das am stärksten. In anderen Städten gibt es auch nicht diese Theaterkonkurrenz. Wenn es den Zuschauern bei uns nicht gefällt, gehen sie in ein anderes Theater. Wir müssen ständig um unsere Existenz bangen. Wir müssen sehr viel rudern, sonst werden wir untergehen.

ZEIT : Sie haben einmal gesagt: Sie lassen beim Spiel immer etwas hinter sich. Spielt man, um sich zu erinnern oder um zu vergessen?

Tismer : Ich habe von Thomas Ostermeier immer Rollen bekommen, die ich nicht spielen wollte. Nora, zum Beispiel, wollte ich nicht machen. Ich dachte: Die ist so blöde, so blöde kann doch kein Mensch sein. Und leider muss ich, damit ich solche Frauen überhaupt spielen kann, gucken: Wo bin ich genauso blöd? Das ist mir unangenehm. Aber wenn ich es durch habe, geht es mir besser.

ZEIT : Das Dunkle wächst also nicht, wenn man sich ihm nähert?

Tismer : Es ist wie beim Zauberer von Oz; von weitem ist er so groß, und je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er.

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ZEIT : Sie haben Angst vor neuen Rollen und manchmal vor dem Auftritt – warum spielen Sie dann? Wo ist die Belohnung?

Tismer : Die Belohnung ist nur, dass man’s hinter sich hat. Manchmal denke ich: Hoffentlich hab ich die Szene bald geschafft. Etwa bei Nora, bei dieser anstrengenden Tanzszene, denk ich: Oh Gott, ich kann nicht mehr. Da ist die Belohnung, dass es dann vorbei ist. Und am nächsten Tag geht es wieder los.

ZEIT : Das hat was von einer Buße.

Tismer : Ja, nicht wahr? (lacht) Aber es gibt immer was abzuarbeiten. Natürlich nicht nur für sich selber. Einer muss es ja machen. Deshalb ist das Theater wichtig. Die Leute können sehen, wie einer für sie Dinge abarbeitet.

ZEIT : Damit sie es nicht selber machen müssen?

Tismer : Damit sie sehen, dass es vorbeigeht. Damit sie selber es nicht machen müssen. Damit sie sehen, was sie selbst Schlimmes tun und es nicht mehr so schlimm finden. Bei den Proben zum Wunschkonzert bin ich durch die schlimmsten Zustände gegangen. Ich führe ein trauriges Leben auf der Bühne, denkt man. Aber weil es in den Bühnenrahmen gespannt ist, bekommt es eine gewisse Schönheit. Die kann man sehen als Zuschauer.

ZEIT : Je älter eine Schauspielerin wird, desto schwieriger hat sie es, gute Rollen zu finden. Macht Ihnen das Angst?

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Tismer : Es stimmt, in der Antike gab es noch gute Frauenrollen. Danach wird es schwierig. Jetzt gibt es gute Frauenrollen bei Botho Strauß, Sarah Kane, Jon Fosse, Lars Noren. Ich spiele selber eigentlich lieber Männer. Ich hab in meinem Leben so oft Männer- wie Frauenrollen gespielt. Frauenrollen definieren sich meistens in Bezug zu Männern. Da wird gefragt: Wie empfindet diese Frau? Bei Männerrollen wird gefragt: Wie empfindet dieser Mensch?

ZEIT : Sie lassen sich die männliche Führung durch den Regisseur gefallen.

Tismer : Wenn ich mich anders verhalte, werden die Widerstände größer. Das weiß ich einfach. Frauen, die sich offensiv verhalten, haben es schwerer, immer noch. Aber ich arbeite auch mit Regisseurinnen.

ZEIT : Sie verhalten sich anders, als Sie eigentlich wollten?

Tismer : Ja, weil ich konfliktscheu bin. Es macht mir keinen Spaß, gegen Widerstände anzurennen.

ZEIT : Auch in der Arbeit mit den Leuten, mit denen man sich am besten versteht, gibt es den Zwang zu einer "weiblichen" Taktik, um an ein künstlerisches Ziel zu kommen?

Tismer : Ich versuche immer, das zu machen, was auf dem schönsten Weg zum Ziel führt.

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ZEIT : Sie haben auf der Bühne manchmal etwas Schlafwandlerisches. Wie kommt das?

Tismer : Das geschieht über die Konzentration. Ich seh ja gern Schülertheater. Ich seh gern, wie die Schüler bei der Sache sind und dran denken, jetzt müssen sie gleich da hin gehen und diesen Satz sagen. Diese Konzentration überträgt sich auf das Publikum. Man schwitzt mit. Nichts anderes als diese Schüler mach ich auch.

ZEIT : Wenn man zusieht, wie einer sich müht, wünscht man ihm da nicht insgeheim, dass er stolpern soll? Sind Sie gern komisch?

Tismer : Am liebsten hätte ich alles komisch.

ZEIT : Aber auch Komik ist bei Ihnen eine Sache von drei Sekunden – länger gilt sie nicht.

Tismer : Aber so ist es ja auch im Leben. Wenn du denkst, du hast’n, springt er aus dem Kasten. Irgendwas passiert, und schon passiert das Gegenteil. Ist ganz schön anstrengend.

ZEIT : Es gibt Schauspieler, die in einer sonnigen Sicherheit spielen, man hat das Gefühl: Denen kann nichts passieren. Sie dagegen wirken immer wie ausgesetzt.

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Tismer : Ich fühle mich tatsächlich ungeschützt. Ich hab auch oft Angst vor Spielpartnern. Deshalb hab ich so gern starke Regisseure. Wenn der Regisseur nicht stark ist, fangen die Schauspieler an, die Kollegen zu bevormunden. Dagegen habe ich keinen Schutz.

ZEIT : Die Wut, die Rachlust, die in Ihrem Spiel manchmal zu spüren ist – hat das zu tun mit der Wut, die Sie sich im Leben nicht gestatten? Mit den im Alltag nicht parierten Schlägen?

Tismer : Das kann sein. Manchmal reagiere ich im Alltag nicht, obwohl ich eigentlich reagieren müsste. Ich seh es mir es nur an, merk mir das und benutze es dann auf der Bühne. Ich verwende die Wut.

ZEIT : Man wehrt sich nicht, obwohl man sollte. Ist das nicht masochistisch?

Tismer : Nein, denn ich lass es ja raus. Wenn auch woanders. Ich finde es manchmal auch fürchterlich banal und blöd, auf eine Provokation zu reagieren. Weil man Energie verschwendet an einer Stelle, wo es völlig sinnlos ist. Da mach ich’s lieber in der Rolle. Da hat es für mich einen Sinn. Wenn ich provoziert werde, denke ich plötzlich: Muss ich mir diese Adrenalinausschüttung jetzt leisten, muss ich dieses Sekret unbedingt gleich loswerden, oder mach ich damit was anderes? Und warum soll ich jemanden behelligen mit meinem Bedürfnis, mein Adrenalin loszuwerden? Ich gehe vielem aus dem Weg. Ich finde, man darf sich im Leben nicht zu viel antun. Wenn man sich mit einem Autofahrer streitet an einer Ampel, kann man sich auch kurz anbrüllen, wenn man möchte, das ist überschaubar, das ist bestimmt auch gut. Aber ansonsten meide ich die Wut. Wut entstellt; es ist für den anderen eine Zumutung, das ansehn zu müssen.

ZEIT : Die Morde, die andere Menschen im Geist begehen, begehen Sie auf der Bühne?

Tismer : Ja, manchmal träum ich allerdings auch, dass ich jemanden umbringe. Einmal hab ich das sehr konkret geträumt. Im Traum hab ich gedacht: Oh je, das werd ich nie wieder rückgängig machen können, jetzt kann ich nie mehr glücklich werden. Dann hab ich mir im Traum gewünscht, dass die Polizei kommt und ich eingesperrt werde, denn ich wollte sowieso mit meinem Leben nichts mehr anfangen. Damit war das Thema Mord für mich erledigt – im Traum und im Wachsein auch.

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ZEIT : Sie fackeln Energien auf der Bühne ab.

Tismer : Ja, ich fackle sie ab. Aber verzichten im Leben wegen des Theaters tu ich natürlich nicht. Mein Privatleben ist mir wichtiger als mein Bühnenleben. Ich würde mich nie für mein Bühnenleben privat ins Unglück stürzen.

ZEIT : Sie sind alleinerziehende Mutter.

Tismer : Ja. Meine Tochter ist jetzt 15; sie ist sehr selbstständig und, Gott sei Dank, ein stabiler Mensch. Manchmal hasst sie das Theater, weil ich so viel dort bin, dann darf ich gar nichts davon erzählen.

ZEIT : Wie findet Ihre ältere Schwester, dass die kleine Schwester jetzt berühmt ist?

Tismer : Das weiß sie nicht. Ich bin die kleine Schwester. Sie hat viele Kinder und hat viel zu tun. Wenn Sie das so sagen – berühmt sein –, das krieg ich ja selber nicht so mit. Ich bin hier im Ensemble eine von vielen. Ich bin froh, wenn ich Arbeit habe. Leider kommt niemand auf Knien zu mir und betet mich an – leider nicht.

ZEIT : Wollen Sie auch in 15, 20 Jahren noch Theater spielen? Oder freuen Sie sich auf die Zeit, wo Sie das Spielen für Ihren Seelenhaushalt nicht mehr brauchen?

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Tismer : Nur wenn ich zu viel Angst hab, würd ich lieber essen gehen. Aber eigentlich möchte ich immer spielen.

ZEIT : Wann lesen Sie?

Tismer : Ich hatte mal einen Freund, der hatte sich beschwert, dass man sich mit mir nicht intellektuell auseinander setzen könne. Ich muss mich aber leer machen, wenn ich an einer Rolle arbeite; dann kann ich nicht lesen, das macht mir das Spielen kaputt. Ich kann dann nicht mal Zeitung lesen. Fernseher hab ich sowieso nicht, und in Probenzeiten hör ich auch keine Musik, das überfordert mich. Ich kann mich nur konzentrieren, wenn man mir eine Aufgabe zur aktuellen Arbeit stellt.

ZEIT : In Ihrem Spiel gibt es manchmal das Element der Selbstverletzung. Man hat das Gefühl: Diese Frau würde sich, wenn es der Sache nützen würde, ernsthaft schaden.

Tismer : Das passiert natürlich auch; aber es hat seine Grenzen. Ich bin überhaupt nicht scharf auf Schmerz.

ZEIT : Ist Ihr Alltagsleben komplementär zu dem, was Sie auf der Bühne machen? Ihre Auftritte handeln vom Konflikt, vom Schmerz, von all dem, was Sie im Leben vermeiden.

Tismer : Im Leben möchte ich das alles überhaupt nicht.

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ZEIT : Und dass man auf der Bühne lernt, sich zu wehren, nützt im Leben nichts?

Tismer : Nein, überhaupt nicht. Deshalb bin ich froh, dass ich in Berlin wohne. Hier lassen mich zum Beispiel die Nachbarn auch in Ruhe. Das war in jeder anderen Stadt ganz schrecklich. Wenn man leise sein muss, wenn alle gucken, wann man nach Hause kommt… alles sehr unangenehm. Im Leben versuch ich, Konflikte zu vermeiden. Ich würde viel lieber lustige Stücke spielen, wo alles schön ist.

ZEIT : Boulevardkomödien, zum Beispiel? Aber die würden Sie doch auch zerfetzen?

Tismer : Ja, wahrscheinlich. Es würde wohl nicht funktionieren. Aber der Wunsch ist da.

ZEIT : Ihr Glaube an Geister: Woher kommt der?

Tismer : Ich habe immer viel Angst vor dem Tod gehabt, als Kind besonders. Jetzt habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt, wie ich mit den Menschen umgehe, die gestorben sind. Der Körper dieses Menschen mag nicht mehr da sein, aber seine Energie ist noch da – und sei’s nur in der Form, dass ich an ihn denke. Auch was meinen eigenen Tod betrifft, denke ich, dass sich meine Atome verteilen auf andere. Nichts geht verloren. Wenn ein Wurm mich frisst und der Wurm von einem Käfer gefressen wird und der Käfer von einer Maus – alles lebt weiter.

ZEIT : Was ist Ihre Antriebskraft beim Spiel?

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Tismer : Ich betrachte mich als Material. Ich bin gar nicht mehr da. Das ist meine Antriebskraft: dass ich verschwinde.

ZEIT : Die Hirnforscher sagen, dass wir alle nur Marionetten unseres Hirns seien – dass von der Freiheit des Willens keine Rede sein könne.

Tismer : Es würde mich nicht so sehr deprimieren, wenn sich herausstellen sollte, wir hätten keinen freien Willen. Im Gegenteil. Das würde mich eher entspannen.

Das Gespräch führte Peter Kümmel