Tismer : Ich fühle mich tatsächlich ungeschützt. Ich hab auch oft Angst vor Spielpartnern. Deshalb hab ich so gern starke Regisseure. Wenn der Regisseur nicht stark ist, fangen die Schauspieler an, die Kollegen zu bevormunden. Dagegen habe ich keinen Schutz.

ZEIT : Die Wut, die Rachlust, die in Ihrem Spiel manchmal zu spüren ist – hat das zu tun mit der Wut, die Sie sich im Leben nicht gestatten? Mit den im Alltag nicht parierten Schlägen?

Tismer : Das kann sein. Manchmal reagiere ich im Alltag nicht, obwohl ich eigentlich reagieren müsste. Ich seh es mir es nur an, merk mir das und benutze es dann auf der Bühne. Ich verwende die Wut.

ZEIT : Man wehrt sich nicht, obwohl man sollte. Ist das nicht masochistisch?

Tismer : Nein, denn ich lass es ja raus. Wenn auch woanders. Ich finde es manchmal auch fürchterlich banal und blöd, auf eine Provokation zu reagieren. Weil man Energie verschwendet an einer Stelle, wo es völlig sinnlos ist. Da mach ich’s lieber in der Rolle. Da hat es für mich einen Sinn. Wenn ich provoziert werde, denke ich plötzlich: Muss ich mir diese Adrenalinausschüttung jetzt leisten, muss ich dieses Sekret unbedingt gleich loswerden, oder mach ich damit was anderes? Und warum soll ich jemanden behelligen mit meinem Bedürfnis, mein Adrenalin loszuwerden? Ich gehe vielem aus dem Weg. Ich finde, man darf sich im Leben nicht zu viel antun. Wenn man sich mit einem Autofahrer streitet an einer Ampel, kann man sich auch kurz anbrüllen, wenn man möchte, das ist überschaubar, das ist bestimmt auch gut. Aber ansonsten meide ich die Wut. Wut entstellt; es ist für den anderen eine Zumutung, das ansehn zu müssen.

ZEIT : Die Morde, die andere Menschen im Geist begehen, begehen Sie auf der Bühne?

Tismer : Ja, manchmal träum ich allerdings auch, dass ich jemanden umbringe. Einmal hab ich das sehr konkret geträumt. Im Traum hab ich gedacht: Oh je, das werd ich nie wieder rückgängig machen können, jetzt kann ich nie mehr glücklich werden. Dann hab ich mir im Traum gewünscht, dass die Polizei kommt und ich eingesperrt werde, denn ich wollte sowieso mit meinem Leben nichts mehr anfangen. Damit war das Thema Mord für mich erledigt – im Traum und im Wachsein auch.