Merkwürdig, er sieht gar nicht mitgenommen aus in diesen letzten Tagen vor seinem Amtseid und vor seiner ersten großen Rede. Dabei hat Horst Köhler einiges durchgemacht. Nicht nur den "Wahlkampf" mit und gegen Gesine Schwan, daran hatte er sich schnell gewöhnt. Nein, Köhler, der relative Fremdling in dieser Republik, hat einen Trip hinter sich, den in so kurzer Zeit und eben mit diesem Blick von außen noch nie jemand durchgemacht hat. Der neue Bundespräsident hat binnen weniger Wochen die gesammelte Elite der Republik gesehen, meist unter vier Augen. Von Küng bis Kanzler und von Pierer bis Müntefering. Und da das Land in keinem sonderlich guten Zustand ist, kann man sich lebhaft vorstellen, was der Amerika-Heimkehrer da so alles erlebt hat. A spricht schlecht über B, B über C und C wiederum über A. Aber sagen Sie es nicht weiter.

Nicht dass Köhler etwa die Diskretion dieser Gespräche verletzen würde. Nur eines lässt er schon durchblicken: dass nämlich die Politiker über die Wirtschaft ganz besonders schlecht denken, fast ebenso schlecht wie umgekehrt die Unternehmer über die Politik. Nirgendwo auf der Welt scheinen ihm die Barrikaden zwischen den Sphären, zwischen Wirtschaft und Gesellschaft vor allem, so hoch wie in Deutschland. Hier, in der Versöhnung der Deutschen mit der Ökonomie, sieht er wohl seine zentrale Aufgabe als Präsident.

Nur wurde in den vier kurzen Monaten seit Köhlers Nominierung auch um ihn schon eine Barrikade gebaut. Gegen den Ökonomen, noch dazu vom IWF, obendrein aus Amerika kommend, wurde ein Verdacht erhoben: Der ist ein Neoliberaler, ein Ökonomist. Am stilvollsten drückte das Jürgen Habermas in dieser Zeitung aus. Nach einer scharfen Wendung gegen das Denken von McKinsey schreibt der Philosoph: "Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die Westerwelles nun auch noch mit einem passend zurechtgestutzten Image des Bundespräsidenten für eine Politik werben möchten, die zentrale gesellschaftliche Bereiche einer Regelung durch den Markt überlässt – und damit aus der demokratisch kontrollierten Verantwortung herausnimmt." (ZEIT Nr. 21/04)

Köhler lacht viel, einerseits von Natur aus, andererseits weil ihm dieser häufig vorgetragene Ökonomisten-Vorwurf so grotesk erscheint. Er soll das sein, dieser Marktradikale, dieser Jünger des McKinseyismus? Als Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes habe er einst selbst den Einfall der Unternehmensberatung McKinsey über sich ergehen lassen müssen und sich gewehrt gegen deren Effizienzgebaren. Er, Köhler, hat damals den Tante-Emma-Geldladen um die Ecke verteidigt. Und dann erzählt Köhler alles aus seiner Biografie, was er schon öfter gegen den Vorwurf des Neoliberalismus vorgebracht hat: Er komme von ganz unten, er habe die Dritte Welt kennen gelernt, und natürlich kritisiere er die hohen Managergehälter.

Fakten, nichts als Fakten, damit wird der Präsident nicht weiterkommen. Denn es geht im Verhältnis zwischen den Deutschen und ihrer Ökonomie um mehr, es geht um Psychologie. Und da geriet Köhler in kontaminierte Wortfelder, in Zonen der Angst und der Abwehr. Gleichwohl kann er dort womöglich einiges bewegen. Er müsste es aber auch, denn 50 Jahre gefühlte deutsche Wirtschaftsgeschichte stehen ihm im Weg. Das Verhältnis der Deutschen zur Wirtschaft durchlief seit dem Krieg drei Stufen. Zunächst war sie das Medium des Wiederaufstiegs und zugleich ein vor der historischen Schuld (scheinbar) geschützter Bereich. Spätestens seit den achtziger Jahren empfindet man die Wirtschaft als eine Art Maschine, die sowieso läuft, und das immer besser. Auf dieser Basis konnte man wunderbare Identitätsdebatten führen, man konnte Ängste haben, ohne wirklich Angst haben zu müssen, und selbst die Wiedervereinigung ließ sich mit der Wirtschaftsmaschine (scheinbar) noch schmerzlos finanzieren. Eine Illusion, an der übrigens auch Köhler nicht ganz unbeteiligt war.

Dann verpassten die meisten Deutschen den Beginn der dritten Stufe, als ihre wirtschaftliche Lage prekär wurde; man hatte mit sich und der Einheit zu tun und mochte nicht einsehen, was man doch bereits ahnte. Als wir dann aus diesem inneren Monolog aufwachten, spielte uns die Weltwirtschaft gerade das irrwitzige Spiel vom Börsen- und Internet-Boom vor. Der Reichtum wuchs scheinbar noch schneller, noch höher – und noch mehr wie von selbst. Bis die Blase platzte und die Deutschen mit reichlich zehnjähriger Verspätung merkten, dass sie plötzlich hinten sind. Zur Zeit dieses Schocks war der neue Präsident allerdings nicht hier.

Parallel zu dieser wirtschaftsabgewandten Hauptstimmung entwickelte sich seit Mitte der neunziger Jahre eine immer wichtigere Nebenströmung, der Neoliberalismus – in seiner sehr deutschen Ausprägung. Selten pragmatisch-nüchtern oder gar einladend kam das radikale Reformdenken daher, meist eher messianisch, apokalyptisch und autoritär. Mittlerweile prasseln die Ruck-und-Zuck-Appelle schon seit mehr als zehn Jahren auf die Deutschen nieder, und noch nie waren sie so richtig wie jetzt, und noch nie konnte man sie so wenig ertragen wie heute. Erkennbar steckt in diesen Appellen etwas Herrschsüchtiges, man fühlt sich immer so angeschrien. Unüberhörbar ist auch, dass sich hier der alte deutsche Selbsthass austobt. Früher fand die kulturkritische Linke alles, was typisch deutsch ist, falsch, heute tun das im selben Tonfall die Neoliberalen. Selbst Sozialdemokraten hören sich oftmals so an wie Neoliberale, die sich nur nicht richtig trauen.