Alle Musik, und zöge sie sich über Stunden hin, währt nur Augenblicke – verglichen mit jenem Orgelstück von John Cage, das Tag und Nacht in Halberstadt gespielt wird. Organ 2/ASLSP begann am 5. September 2001 und soll noch 636 Jahre dauern. Wer die Aufführung besuchen will, dem stellt sich jetzt die Frage nach dem Wann. Der Anfang ist unwiderruflich verpasst, das Ende liegt weit außerhalb der eigenen Lebensspanne. Welcher Zeitpunkt also wäre der richtige?

Der Komponist hätte wohl gesagt: jeder. Denn John Cage (1912 bis 1992) hatte sich mit aller Kraft gegen musikalische Hierarchien gewandt. Kein Ton schien ihm wichtiger als ein anderer, nicht einmal als ein Nichtton. Deshalb loste er Tonhöhen, Notenwerte und Pausen auch des Halberstädter Stückes aus: Gleiches Recht für alle Klänge! Daraus ließe sich ableiten: Der Besuch der Aufführung darf dem Zufall überlassen bleiben. Ist man mal in der Nähe von Halberstadt, geht man halt für ein Stündchen in die rustikale Burchardi-Kirche, in der sich die Komposition mit unendlicher Langsamkeit vorantastet. Kommt man nie in die Nähe des am östlichen Harzrand gelegenen Städtchens – auch gut, denn ob Publikum an- oder abwesend ist, macht dem Stück nichts.

Diese Philosophie der Absichtslosigkeit reibt sich gehörig an der Lebenswelt. Die meisten Menschen sind ereignisfixiert und richten ihr Dasein an vermeintlichen Höhepunkten aus. Die Veranstalter des Halberstädter Cage-Projektes wissen darum. Deshalb laden sie nun zu einer kleinen Feier am Rande der Aufführung ein, am Montag, dem 5. Juli.

Organ 2/ASLSP hatte ja begonnen mit einer anderthalbjährigen Pause, in der kein Ton zu hören war, sondern allein das Gebläse der Orgel, das Luft schöpfte für die vor ihm liegenden Jahrhunderte. Seit dem 5. Februar 2003 erklingen die ersten drei Töne, gis´, gis´´, und h´. Am nächsten Montag werden zwei neue Töne hinzukommen, e und e´, was mit einer Soirée im benachbarten Herrenhaus begangen werden soll. Der Obertonsänger Claude Laurion wird den Akkord vor Publikum zur Grundlage einer eigenen Darbietung machen. Anschließend wird sich die Festversammlung zur Orgel hinüberbegeben, um den erweiterten Akkord in natura zu erleben.

Man kann die Veranstaltung deuten als kleine Denkschwäche im strengen Konzept des Projektes – oder auch als Geste an eine Öffentlichkeit, die von Spektakel zu Spektakel zu eilen gewohnt ist. Wäre zudem nicht schlecht, bei dieser Gelegenheit ein paar Spender für die privat finanzierte Dauermusik zu gewinnen. Weil es an Geld fehlt, steht in der Kirche bisher nicht die richtige Orgel, sondern nur ein Provisorium aus wenigen Pfeifen. ASLSP steht für die Spielanweisung As SLow aS Possible , "so langsam wie möglich", und ebenso langsam reagieren bisher Industrie, Handel und Gewerbe auf das Förderungsfeld. Erst ein Sponsor hat sich gefunden: die Thüga, eine in München ansässige Beratungsfirma kommunaler Energieversorger. Sie gibt jedes Jahr eine kleine Summe, dafür aber unbefristet, "as long as possible", wie es ein Firmensprecher salopp formuliert. Wie lange wird sein Unternehmen Bestand haben? Immerhin wurde die Thüga 1867 in Gotha als Thüringer Gasgesellschaft gegründet, blickt also auf eine 137-jährige Geschichte zurück, was einem guten Fünftel der Spieldauer des Cage-Stückes entspricht.

Dass alle Zukunft mit Unwägbarkeiten behaftet ist, auch die vermeintlich sichere, mussten die Halberstädter gerade schmerzhaft erfahren. Den nächsten Tonwechsel nach dem 5. Juli hatten sie bereits für den 5. August 2004 angekündigt. Dann sollten gis´ und h´ wegfallen. Beim Nachmessen der Notenabstände für die Aufbereitung oben stehender Grafik hat die ZEIT jedoch einen Berechnungsfehler festgestellt. Der Termin wird erst im nächsten Jahr liegen. Wann genau, bleibt einer exakten Neuberechnung durch erfahrene Orgelkundler vorbehalten.

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