Der Meister ist nicht zufrieden. Zwei Stunden hat er im leeren Saal hinter seinem Regietisch gesessen und ein Dutzend Szenen abgenommen, jede ein abgeschlossenes Minidrama, von den Darstellern selbst verfasst und gespielt. Es gab kabarettreife Burlesken und Charakterstudien ohne Worte: der blinde Messerwerfer, die Platzanweiserin als Varieté-Star, der Striptease des Schriftstellers. Man sah auch absurdes Theater: Ein geköpfter Mann sucht nach einem Ersatzschädel, ein Teenager wird von seinen Popidolen heimgesucht. Aber dem Meister gefällt noch nicht, was seine zwanzig Schüler an der Ecole Internationale de Mimodrame in Paris als Abschlussarbeiten vorbereiten: "Ihr seid viel zu langatmig und verstiegen." Ein guter Darsteller, sagt er, muss knapp und verständlich spielen – "sonst ist er nach zwei, drei Jahren weg von der Bühne". Er zählt auf, was ihm missfällt: das Übermaß an Requisiten und Kostümen, die karikaturhafte Überzeichnung. "Ihr müsst schneller zur Sache kommen und euch nicht erst in Stimmung spielen." Denn das sei das Wichtigste am Theater: "Man muss die Zuschauer rühren, nicht sich selbst."

Marschieren gegen den Wind

Dann streicht der Meister seinen Grauschopf zurecht und geht mit angewinkelten Armen und Ausfallschritt in Position: kein Schauspieler, sondern ein Bildhauer, der gestische Archetypen aus dem Nichts herausmeißelt. Er zeigt den entrückten Himmelsblick des Blinden, der nur noch das Weiße im Augapfel hat, den Ängstlichen, der fast auf halbe Körpergröße zusammenschrumpft, und immer wieder die Hauptsache: wie der Panto-Mime, der Alles-Nachahmer Marcel Marceau das Unsichtbare sichtbar macht und eine ganze Bühne mit imaginierten Gegenständen und Personen füllt. "Heute haben die jungen Leute mehr Kino als Theater im Kopf", bedauert Marcel Marceau. "Sie wollen Realismus statt Poesie." 1978 hatte er mit Hilfe des damaligen Pariser Bürgermeisters Jacques Chirac eine kleine Schauspielschule in einer Seitenstraße der Place de la Republique gegründet. Noch mit 81 Jahren gibt Marceau dort zweimal in der Woche seine Meisterkurse und nimmt auch sämtliche Premieren ab. Dabei beharrt er auf dem wichtigsten Merkmal seiner Körperkunst: "Der Filmschauspieler muss vergessen machen, dass er spielt. Der Pantomime darf das nicht, er muss in beständiger Anspannung sein."

Der Mann, der sechzig Jahre lang auf der Bühne kein einziges Wort gesprochen hat, redet auf dem Weg in sein italienisches Stammlokal am Boulevard Saint Martin wie ein Wasserfall. Zuweilen stutzen Passanten vor dem zarten Greis mit dem Wandervogel-Gesicht und der jugendlichen Körperhaltung. Als einige winken und lachen, freut sich Marceau wie ein Kind: "Die haben mich erkannt, wirklich."

Es ist nicht allein sein lebenslang weiß geschminktes Gesicht, sondern mehr noch der Ruhm, der Marcel Marceau so ins Imaginäre entrückt hat, dass man ihn gar nicht mehr auf dieser Erde wähnt. In seinem Büro hängt eine große Weltkarte, auf der er mit Fähnchen alle Auftrittsorte seiner insgesamt vierzig Welttourneen markiert hat. Da gibt es bis auf die großen Regenwälder, Wüsten und Hochgebirge kaum einen Fleck, der noch frei ist. Immer wieder hat er seine definitive Abschiedstournee angekündigt und jüngst seine jährlich zweihundert Auftritte auf die Hälfte reduziert. Doch nun reist er für zwanzig Soloauftritte quer durch Deutschland.

Reicht das nicht allmählich? Marceau spricht mit strengem Pflichtbewusstsein von sich in der dritten Person: "In manchen deutschen Städten ist Marceau seit über zwanzig Jahren nicht mehr gewesen, dort haben ihn ein, zwei jüngere Generationen noch nie gesehen." Mit Deutschland verbindet den jüdischen Metzgerssohn aus Straßburg, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, eine tiefe kulturelle Liebe: "Ich war immer Anti-Nazi, aber nie antideutsch." Seinen Durchbruch erlebte er nicht in Frankreich, sondern in Deutschland. 1951 reiste er für ein viertägiges Gastspiel nach Berlin, blieb aber zwei Monate. Zu seinen Aufführungen kamen Bertolt Brecht, Mary Wigmann, Harald Kreutzberg und der Kritiker Friedrich Luft, der hinterher schrieb: Marceau macht eine neue Kunst, das muss man gesehen haben.

Ähnlich erging es ihm in Amerika, wo er 1955 ein zweiwöchiges Gastspiel geben sollte, aber sechs Monate auf Erfolgstournee zwischen Broadway und Hollywood blieb. Damals lernte er auch seine Idole kennen: Charles Laughton, die Marx Brothers, Buster Keaton, Laurel & Hardy und Charlie Chaplin. Für Marceau sind diese Kollegen keine bloßen Komiker, sondern echte Tragöden, die das Erbe des antiken Theaters und der Commedia dell’Arte in die Stummfilm-Epoche übertragen haben. Und es war Marceau, der den Stab weiterreichte: an Samuel Beckett, den er zum pantomimischen Finale im Endspiel inspirierte, an Schauspieler wie Anthony Hopkins und Tänzer wie Rudolf Nurejew, die sich auf sein Vorbild beriefen. Und an Michael Jackson, der mit seinem Moonwalk, jenem berühmten Schleifschritt rückwärts, eine Hommage an Marceaus Marsch gegen den Wind schuf. Weil in Amerika der Einfluss des Franzosen in Rap, Break-Dance und Straßenkunst überall gegenwärtig ist, erklärte 1999 der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani den 18. März, zum jährlichen "Marcel Marceau Day".

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