New York. Die Lage ist ernst genug, um John Negroponte loszuschicken. Der neue Regierungschef des Iraks, Ijad Allawi, muss womöglich als eine erste Amtshandlung den Ausnahmezustand verhängen. Nur so sei der Welle neuer Autobomben, Sabotageanschläge und Entführungen zu begegnen, glauben etliche Beobachter. Der amerikanische Besatzungschef L. Paul Bremer III. packte schon zwei Tage früher als geplant seine Koffer, verabschiedete sich in einer hastigen Zeremonie und stieg ins Flugzeug. Zurückbleiben 170000 Besatzungstruppen unter amerikanischer Führung, seit dem Folterskandal von Abu Ghraib verhasster denn je. Und die neue US-Botschaft in der abgeriegelten "grünen Zone" von Bagdad. Im örtlichen Sprachgebrauch heißt sie "der Bunker".

Doch John Negroponte, 64 Jahre alt und neuer Amtsherr im Bunker, kennt sich mit diplomatischen Himmelfahrtskommandos aus. Der bisherige US-Botschafter bei den Vereinten Nationen gilt als einer der erfahrensten Diplomaten der USA, der Geheimnisse zu wahren weiß. Negroponte besitze für den Irak-Job "die nötige Geduld und Subtilität", empfahl ihn sein diplomatischer Ziehvater Henry Kissinger. Und trotzdem: Manche halten Negropontes Entsendung für die bisher fatalste Personalentscheidung George W. Bushs.

Negroponte hat nämlich einige dunkle Flecken in seiner Vergangenheit. Davon war nur am Rande etwas zu merken, als Negroponte sich vor zwei Monaten dem Außenpolitischen Ausschuss des US-Senates vorstellte, der seine Nominierung zu bestätigen hatte, einen schwingenden Regenschirm in der einen Hand und seinen Diplomatenkoffer in der anderen. Ein einsamer Demonstrant, der Menschenrechtsaktivist Andres Thomas Conteris, sprang auf, um zu protestieren, und wurde prompt von Sicherheitsbeamten nach draußen geschafft. Im Ausschuss selber fanden beide politische Lager warme Worte für den Botschafter in spe, und die Entscheidung über seine Entsendung fiel mit 95 zu 3 Stimmen. Zwei Senatoren enthielten sich der Stimme, darunter John Kerry. So viel Harmonie hatten nicht mal Optimisten erwartet.

Die Zweifel an Negroponte haben mit seiner Rolle als Botschafter in Honduras in den Jahren 1981 bis 1985 zu tun. Es waren raue Zeiten. Vom sandinistisch regierten Nicaragua aus drohten sowjetisch unterstützte Rebellen, auch in Guatemala, El Salvador und dem Rest der Region Unruhe zu stiften. Für die Reagan-Administration, die später in die Iran-Contra-Affäre schlitterte, diente Honduras als Aufmarschgebiet und als Trainingszentrum für die antisandinistischen Contras. Eine berüchtigte honduranische Todesschwadron allein soll für an die 200 Morde und viele Folterungen verantwortlich sein.

Doch Negroponte, bei dem Generäle und CIA-Agenten ein- und ausgingen, will davon bis heute nichts gewusst haben. Menschenrechtsgruppen, Untersuchungsausschüsse des Kongresses, später freigegebene CIA-Unterlagen und sogar Negropontes Amtsvorgänger behaupten das Gegenteil.

Negropontes Freunde wollen seine Rolle in Honduras als Einhalten einer Art "professioneller Schweigepflicht" verstanden wissen. Vielleicht glaubte er auch, Menschenrechtsverletzungen effektiver hinter den Kulissen anprangern zu können, wie es seine Ehefrau Diana in einem Gespräch mit der Washington Post andeutete. "Ich kritisiere nie jemanden, jedenfalls nicht öffentlich", hat Negroponte einmal der Los Angeles Times gesagt. Dabei hat er mindestens einmal von diesem Prinzip eine Ausnahme gemacht: In jungen Jahren, als Diplomat in Saigon, hatte Negroponte recht lautstark Henry Kissingers Vietnam-Politik kritisiert. Negroponte verschwand jahrelang auf zweitrangige Posten in Ecuador und Griechenland, und vielleicht ist es ihm eine Lehre gewesen.

Der seither erworbene Ruf als loyaler Diener seiner Herren und eiserner Wahrer von Geheimnissen kam ihm als UN-Botschafter während des Irak-Krieges zugute. Ihm gelang das Kunststück, die unilateralistische US-Position überzeugend zu vertreten – ohne dabei seine guten Beziehungen zu den anderen Mächten im Sicherheitsrat zu gefährden. Das Vertrauen beider Seiten half ihm, im Oktober 2003 nach monatelangen Verhandlungen den Sicherheitsrat zu überreden, die irakische Besatzungsregierung anzuerkennen. Angesichts so viel Durchhaltevermögens lobte ihn der UN-Chef Kofi Annan zum Abschied als "herausragenden Profi".

Bagdad allerdings könnte Negroponte, der fünf Sprachen, aber kein Arabisch spricht und nie diplomatische Erfahrung im Nahen Osten gesammelt hat, vor die härteste Prüfung seines Lebens stellen Seine Befugnisse sind bislang alles andere als klar. Die neue amerikanische Repräsentanz wird zwar als "Superbotschaft" ausgestattet und zählt 1700 Mitarbeiter – doch hat sie weder direkte Macht über die Truppen im Land noch über Wiederaufbaumittel. Auch die keineswegs aufgelösten Spannungen zwischen State Department und Pentagon werden Negropontes Lage kaum erleichtern. Der demokratische Senator und Außenpolitikexperte Joseph Biden riet Negroponte schon von einem "allzu auffälligen Profil" ab: Je häufiger die Iraker den amerikanischen Botschafter zu Gesicht bekämen, desto weniger würden sie an die Unabhängigkeit ihrer "souveränen" Regierung glauben.