Den Haag, Amsterdam. Auf dem Platz 1813 im Zentrum Den Haags sammeln sich die Demonstranten. Der Gewerkschaftsverband FNV hat zur Kundgebung gerufen. Es geht gegen die Regierung und gegen geplante Einschnitte im sozialen Netz. Gespräche mit den Sozialpartnern darüber sind kürzlich gescheitert. Schuld ist die Mitte-rechts-Koalition unter dem Christdemokraten Jan Peter Balkenende und dem (neo)liberalen Finanzminister Gerrit Zalm. Beides konsensunwillige Ideologen! Daran lassen die Lautsprecherparolen keinen Zweifel. Dass sie orthodoxe Sparpolitiker seien, sagen allerdings auch andere, nicht nur die ergrimmten Gewerkschafter.

Die Parolen dringen durch die geschlossenen Fenster bis ins Büro von Anton Hemerijck, dem Sozialwissenschaftler, der sich auskennt mit Hollands Konsens- und Verhandlungsdemokratie. Hemerijck ist Direktor des Wissenschaftlichen Beirats für Regierungsfragen, eine in ihrer Art einmalige Einrichtung der holländischen Regierung. Sie bietet eine Fundgrube gründlicher Analysen zu ganz unterschiedlichen aktuellen Themen – über die "Werte und Normen" der holländischen Gesellschaft (eine Art Leitkulturstudie) ebenso wie über die Frage, ob der Islam ein Hinderungsgrund für den EU-Beitritt der Türkei sei (nein, lautet das Fazit).

International bekannt ist Hemerijck aber vor allem, weil er sich seit Jahren damit beschäftigt, das "holländische Wunder" der Sozialstaatssanierung zu erklären – das "Polder-Modell", benannt nach den Landschaften, die Hollands Deichbauer im Lauf der Zeit dem Meer abgetrotzt hatten.

Klingt nicht nach dem Polder-Modell, was da von draußen hereindringt, von Konsens ist nichts mehr zu hören. Aber von einem "Modell", antwortet der nachdenkliche Mann, hätten er oder sein Kollege und Co-Autor Jelle Visser auch nie gesprochen oder geschrieben. Im Gegenteil: "Zu keinem Zeitpunkt hat es einen großen Entwurf gegeben", heißt es in ihrem viel zitierten Buch Ein holländisches Wunder? (erschienen im Verlag Campus ), der Mutter aller Polder-Modell-Studien. Der Erfolg des legendären Sanierungsprojekts aus den neunziger Jahren sei keineswegs garantiert gewesen. Es brauchte viel Mut. Und obendrein auch Glück. Beides hatten die Holländer damals.

Und jetzt? Nervosität herrscht im Land. Die politische Lage ist angespannt. Gespräche mit Wissenschaftlern, Politikern und Publizisten drehen sich – wenn nicht von Fußball die Rede ist – um die Gefahren für das Erreichte. Um das Ende des Modells.

Holland hat nun den EU-Vorsitz

Übertreiben die Holländer mit ihrer Skepsis und ihrem Pessimismus, so wie in der EM-Vorrunde ihre Kritik am Trainer der Fußballmannschaft überzogen war? Fast sieht es so aus. Wer von außen kommt, sieht Holland, die EU-Ratsmacht für das zweite Halbjahr 2004, immer noch als das dynamisches Wunderland mit flexiblen Arbeitsverhältnissen und vergleichsweise niedriger Arbeitslosigkeit. Aber das ist nicht die ganze Geschichte: