Noch ein "Empire"-Buch! Und schon wieder eine Diskussion über das Wesen, die Vorzüge und Nachteile von Imperien in der Geschichte. Man kennt die Debatten der letzten Jahre. In diesem Fall indes weckt der Name des Autors die Neugierde zu neuem Leben. Wenn ein Historiker sich auf ebenso kluge wie provokante Thesen versteht, dann Niall Ferguson, bekannt durch seine bahnbrechende Studie über das Bankhaus Rothschild und eine viel diskutierte Arbeit über Großbritanniens Rolle im Ersten Weltkrieg.

Und tatsächlich: Ferguson wird auch in diesem Buch seinem Ruf gerecht. Ohne Umschweife kommt er zur Sache und fordert ein "liberales Imperium" als zukunftsträchtige Antwort auf die Probleme einer instabilen und unberechenbaren internationalen Unordnung. "Imperium" steht für die ordnungspolitische Neu- und Umgründung strategischer Störenfriede, "liberal" für das Ansinnen, in Staaten wie dem Irak, Somalia, Afghanistan oder Nordkorea für den Aufbau demokratisch verlässlicher Institutionen zu sorgen – in der Verwaltung, im Rechts-, Steuer- und Bildungswesen.

In den USA sieht Ferguson den einzigen und besten Kandidaten für die so definierte Rolle. Allein – er verzweifelt schier an der vermeintlichen "Machtvergessenheit" und "Selbstbeschränktheit" der amerikanischen Eliten. Seit nunmehr 100 Jahren, so seine Diagnose, unterläuft ihnen immer wieder der gleiche Fehler: Am Ende siegreich geführter Kriege stellt man unzureichende Mittel für den politischen Wiederaufbau zur Verfügung und zieht sich schmollend zurück, wenn der erstrebte Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft nicht binnen kürzes-ter Zeit erreicht ist. In anderen Worten: Die Amerikaner sind Meister im Vergeuden ihrer Möglichkeiten und stehen sich stets selbst im Weg – zum Schaden ihrer selbst und noch mehr der übrigen Welt.

Dass auf weltanschauliche Korrektheit bedachte Zeitgenossen keinen Gefallen an solchen Thesen finden, liegt auf der Hand. Hier schreibt ein Brite in der intellektuellen Tradition eines längst verblichenen Empire: geschult im Denken eines machtorientierten Realismus und immun gegen luftige Entwürfe idealer Welten. Bei allem Respekt für die Befürworter einer starken Uno oder einer an multilateraler Kooperation orientierten Sicherheitspolitik – für Ferguson schärft allein der illusionslose Blick in die Geschichte das Bewusstsein für das künftig Notwendige.

Was er über die Blütezeit des britischen Empire im 19. Jahrhundert zu sagen hat, ist in der Tat beeindruckend. Und weit mehr als ein historischer Exkurs. In einem "Buch im Buch" und gestützt auf eine stupende Kenntnis von Wirtschafts-, Sozial- und Rechtsgeschichte, rückt Ferguson lieb gewordenen Thesen über Fremdbestimmung, Unterdrückung und Ausbeutung zu Leibe. Am Beispiel Indiens und Ägyptens gelingt ihm der Nachweis, dass das erste "liberale Imperium" nicht allein für das Mutterland, sondern auch für die Peripherie Dividende abwarf. Die unbestreitbare Malaise ehemaliger Kolonien und Dominions originär mit einer Intervention von außen in Verbindung zu bringen geht an der historischen Realität vorbei.

Die Frage ist nur, welchen Wert derlei aus der Vergangenheit gewonnene Erkenntnisse für die Gestaltung von Zukunft haben. Um die Antwort und zugleich die Kritik an Ferguson vorwegzunehmen: überhaupt keinen. Sobald Ferguson sein angestammtes Terrain britischer Geschichte verlässt und über Amerikas Rolle im 20. Jahrhundert schreibt, verflacht der Text. Statt der gewohnt präzisen Analysen bietet Ferguson Behauptungen und ein gerüttelt Maß jenes Wunschdenkens, das er bei anderen und oft zu Recht kritisiert – zum Beispiel, wenn er das unter britischer Ägide stabilisierte Ägypten als Modell für den heutigen Irak anpreist. Die Welt erscheint wie eine nach Wille und Vorstellung knetbare Masse. Folglich spricht Niall Ferguson in diesen Passagen auch nicht mehr die Sprache des distanzierten Beobachters, sondern sucht Zuflucht im dramatischen Appell an Einsatzfreude, Willensstärke und Entschlossenheit.

Auf diese Weise verwandelt sich ein anregender historischer Überblick in ein ideologisches Pamphlet – in ein Plädoyer für Imperien, die ihren Namen verdienen, weil sie beim Einsatz militärischer Macht die gebotene Skrupellosigkeit walten lassen.

Mehr als einmal traut man seinen Augen nicht. Was soll die – sachlich abstruse – Behauptung, die USA hätten in den frühen fünfziger Jahren die Mittel und notwendige politische Unterstützung für einen entscheidenden Atomschlag gegen Nordkorea und China gehabt? Worauf will der Autor mit dem Lob für den Protagonisten eines solchen Kurses, Douglas MacArthur, und der Häme für die Zauderer um Truman hinaus? Im Licht seines Nachdenkens über eine plausible "Siegstrategie" für Vietnam wird man den Verdacht nicht los, dass Ferguson tatsächlich meinen könnte, was zwischen den Zeilen anklingt.