In der gepflegten Villa am Zürcher Berghang, die einst einem badischen Freiheitskämpfer im Exil gehörte und nun der Universität Zürich, Abteilung Geschichtswissenschaft, sitzt im Seminar ein Student und ist sehr irritiert. Eine Vergewaltigung, sagt er, werde verharmlost. "Foucault geht über die Tragik hinweg!" Eine Gruppe von Studenten hat sich im Kolloquium des Historikers Philipp Sarasin über die Vorlesungen Die Anormalen des französischen Philosophen gebeugt, über eine Passage, die ländliche sexuelle Praktiken schildert.

"Was würde Foucault zu dem Vorwurf der Verharmlosung sagen?", fragt Sarasin zurück, der das Kolloquium mit nichts als dem Buch in der Hand und der Uhr neben sich bestreitet. "Er würde fragen: Woher kommt unser Entsetzen?" Dann geht es, Absatz für Absatz, in den Text hinein, um herauszufinden, ob Foucault, ohne Mitleid, bloß an den Funktionsweisen der Macht interessiert ist. Wo sind bei Foucault Erklärungslücken, wo Unschärfen? Der analytische Blick erfasst die historischen Machtverhältnisse und geregelten Lebensgewohnheiten. Am Ende bleibt die moralische Irritation – entschärft durch Vernunft.

Die Vernunft ist nicht so frei

Aber was kann diese wissenschaftliche Vernunft, wenn sie Fragen nach Gut und Böse zurückweist? Wenn sie die Erfahrung und Verantwortlichkeit von Menschen relativiert? Darum tobt seit Jahrzehnten ein Grundlagenstreit der Historiker, Philosophen und Literaturwissenschaftler. Oft mündet er in der grundsätzlichen Fragestellung, ob sich eine kritische Wissenschaft in die politische Tagesaktualität einmischen müsste. Philipp Sarasin versteht seine Arbeit an der Universität als politisch. Seine Form der Einmischung ist die Wissenschaft.

Der 47-Jährige mit den schulterlangen Haaren und der kantigen Brille hat trotz der stilsicheren Erscheinung etwas Studentisches behalten. Er findet es heute "subtil langweilig", sich als Historiker noch mit der Prägung von sozialen Schichten und Klassen zu befassen oder sich, wie die Hermeneutiker, um das Verstehen, die Verständigung unter Menschen zu kümmern. Dass Menschen bewusst und rational die reale Geschichte interpretieren können, hält er für eine überholte Vorstellung des 19.Jahrhunderts. An die Stelle dieser alten Rationalität setzt er eine neue. Diese Vernunft ist nicht so frei, sie wird von der Gegenwart geprägt und durch die Gesetze der Sprache bestimmt.

Der Mann hat erkennbar keine Lust, seine Neugierde auf neue Fragestellungen zu bremsen. Für ihn ist das Interesse an den Wissensgesellschaften leitend geworden. Wie werden Arbeitsplätze und also auch die Körper der Arbeitenden durch moderne Technik und Wissen in Form gebracht, rationalisiert? Wie rücken der Körper, die Hygiene, die Reinheitsvorstellungen ins Zentrum des modernen Denkens? Wie hängt das medizinische Denken mit dem gesellschaftlichen zusammen? Sarasins Arbeit verbindet Fragen der Philosophie, der Psychoanalyse und der Geschichtswissenschaft und lässt dabei das Alltagsverständnis von vertrauten Begriffen – Erfahrung, Subjekt, Körper, Moral – hinter sich.

Aber trotz aller Theorie wird Sarasin gerne konkret. Ohne Anschauung geht eben nichts. In Zürich ist gegenwärtig eine viel beachtete Ausstellung zu sehen, zur Geschichte der Zürcher Prostitution. Die hat Sarasin gemeinsam mit seiner Frau und seinen Studenten in zweijähriger Arbeit konzipiert, der Titel: Wertes Fräulein, was kosten Sie? Die will er zeigen. Da ist im diskreten Zwielicht des Museumskellers der Fächer einer Hure zu sehen, auf den sich ihre Freier eintrugen, da ist der Kampf der Sittlichkeitsvereine gegen die Bordelle dokumentiert, da zeigen die Polizeiakten, als gelte es, Lavaters Physiognomie fortzuschreiben, die gerasterten Gesichter der Prostituierten, und die Psychiater und Mediziner diskutieren die Frage, was Liederlichkeit sei, welche Hilfe Not tue und wem die Fortpflanzung zu verbieten sei.

Es ist eine Ausstellung, die sich ohne jeden Voyeurismus den erbärmlichen Verhältnissen von Unterschichtsmädchen zuwendet – und zugleich die distanzierte Analyse eines Austragungsorts bürgerlicher Doppelmoral, flankiert von den Praktiken der modernen Medizin, der Fürsorgeanstalten und des Polizeiwesens. Die Sarasinsche Mischung. Die Moral zeigt hier ein strenges Gesicht: In den Anstalten für gefallene Mädchen, in die Huren ohne Verfahren eingewiesen werden, um sie aus der Prostitution zu befreien, gelten harsche Regeln, vom streng in der Mitte zu scheitelnden Haar bis zum Verbot, miteinander zu reden. Die Zuwendung zu den Schwachen ist in der Ausstellung zur Methode geworden. Die Huren haben, so gut es sich rekonstruieren ließ, einen Namen, eine Biografie, sind nicht nur Gegenstand einer Akte, eines Attests. Sie sind nicht bloß Opfer. Der einzelne Mensch ist ein Stein des Anstoßes. Auch für die Wissenschaft.