Über Musik zu schreiben sei wie der Versuch, durchs Lesen von Kochrezepten satt zu werden, lautet ein derart bekanntes Diktum, dass mir dessen Urheber entfallen ist. Doch sie sind nicht vom Schreiben abzuhalten, die Besessenen und die Zeitzeugen, bemüht, ihre Musik wiederauferstehen zu lassen und damit ein Leben dingfest zu machen, das aus Musik geboren ist. Siegfried Schmidt-Joos: My Back Pages - Idole und Freaks, Tod und Legende in der Popmusik - Lukas Verlag, Berlin 2004 - 595 S., 24,90 e, ist so ein wunderbar hoffnungsloser Fall von klugem Fanatismus, der in siebzehn großen Kapiteln Porträts aus einem Journalistenleben versammelt. Vergriffenes, doch Immergrünes hat der ehemalige Radio- und Spiegel-Redakteur überarbeitet, aus dem Bereich "Leichte Musik", wie das früher unbeschwert genannt wurde. Das zieht sich von Ray Charles über die Stones zu Tiny Tim, das meint Garland wie Streisand, Dylan oder Lennon. Mit Anstand, detailgenau und nachhörbar geschrieben, ist das bebilderte Hochglanzbuch Grundlage für Novizen und Genuss für Veteranen. "Amerika blieb das Ziel", schreibt SSJ, und fast nahtlos geht diese Blickrichtung in ein Buch von Christian Broecking: Respekt! - Verbrecher Verlag, Berlin 2004 - 134 S., 13,- e, über, das äußerlich eher an die Raubdruckkultur der siebziger Jahre erinnert. Der Berliner Journalist begibt sich in zehn informativen Interviews auf die Suche nach dem schwarzweißen Gral des Jazz und versucht zu ergründen, welchen Stellenwert Rassismus und die schwarze community für das Selbstwertgefühl der Musiker und ihre Kunst haben. Sympathisch, dass sich das Spektrum vom unwilligen Ornette Coleman ("Das Problem ist stumpfsinnig und langweilig") über den provokanten Max Roach ("Uns ging es besser zu Zeiten der Segregation") bis zum umweltbewussten Sonny Rollins spannt. Die Verweigerung von Respekt! (dazu die hervorragende, gleichnamige CD bei Universal) trifft nicht nur Schwarze.

Oder, wie der Saxofonist Steve Coleman resümiert: "Diese Fragen reflektieren eine beschissene Welt." Eine Aussage, die auch die 299 versammelten Punks unterschreiben würden, die in Legs McNeil und Gillian McCain: Please kill me.

Die unzensierte Geschichte des Punk - aus dem Englischen von Esther und Udo Breger - Verlagsgruppe Koch/Hannibal, Höfen 2004 - 510 S., 25,90 e, ihr musikalisches Unwesen treiben. Es ist Kunst, es ist Klatsch, es ist ein großes amerikanisches Sittenbild über eine Szene, die 1967 begann, hier 1992 aufhört, aber nie zu Ende ist: von Johnny Thunders über Television zu Patti Smith und wieder zurück. Eine Collage aus den Stimmen der Unterwelt, die so disparat klingen wie jede Bewegung, der man einen Stempel aufdrückt: beleidigt und eifersüchtig, krank vor Wut, abgeklärt und im Vollrausch der Freude. Und wirklich punk-passend: Es gibt kein Register, man muss von-vorne-nach-hintennach-vorne lesen, in einem Zug oder in Gala-Häppchen.

Dies gilt auch für David Stubbs: Cleaning Out My Closet. Eminem - Die Story zu jedem Song - aus dem Englischen von Sylvia Morawetz und Werner Schmitz - Rockbuch Verlag, Schlüchtern 2004 - 144 S., 19,80 e, der die Geschichte(n) des "white nigger" Marshall Mathers in dessen Songs erzählt. Zwischen den Tugenden der Linken und den Geboten der Rechten sitzt dieser wahre Erbe des Punk, schlägt um sich, verletzt jeden und vor allem sich selbst. Sensibler Frauenhasser und lyrischer Arsch - nichts passt und ist deshalb reiner Rock 'n' Roll.