Update vom 8. November 2017:

Er war der vorletzte noch lebende Wundermann von Bern – und der widerborstigste. Hans Schäfer, der nun kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben ist, war der beste Linksaußen seiner Zeit. Zum WM-Sieg der Deutschen 1954 trug er mit vier Toren maßgeblich bei; zudem schlug er im Finale gegen Ungarn die Flanke, die es Helmut Rahn ermöglichte, aus dem Hintergrund zu schießen und das entscheidende 3:2 zu erzielen. Als Kapitän des 1. FC Köln (bitte, liebe Kölner, jetzt nicht weinen!) errang er 1964 die erste Bundesliga-Meisterschaft, da war er bereits 36 Jahre alt. Kurzum: Hans Schäfer hätte auf Jahrzehnte hinaus einer der Superstars des deutschen Fußballs sein können, zumal der Urkölner ein begnadeter Erzähler war, dessen Anekdoten durch den kölschen Singsang noch besser wurden.

Aber Hans Schäfer hatte keine Lust auf Superstar. Schon der Ruhm unmittelbar nach dem WM-Sieg war dem Mann aus kleinen Verhältnissen suspekt, die Triumphfahrt im Sonderzug durch die Republik, der Rummel auf den Bahnhöfen, wo die Spieler mit Baumkuchen und Teeservicen beschenkt wurden. So konzentrierte sich das Medien-Bohei bald auf bereitwilligere Typen wie Helmut Rahn und den Übervater der Berner Mannschaft, Fritz Walter. Das wiederum war Schäfer auch nicht recht. Diese Mischung aus Bescheidenheit und Neid führte zum Bruch mit dem DFB und einem verbitterten Schweigen in der Öffentlichkeit.

So war die Gemengelage, als wir zum 50-jährigen Bern-Jubiläum 2004 versuchten, dennoch ein Interview mit ihm zu führen. Die Anbahnungsphase war ein WM-taugliches Diplomatiedribbling; am Ende kam es zum Gespräch, das wir hier noch einmal veröffentlichen. Als wir uns in Köln trafen, war die Gesprächsatmosphäre total entspannt, und wir fragten uns, warum dieser selbstbewusste und eloquente Mann die Öffentlichkeit so gemieden hatte – im eindimensionalen Fußballgesülze der Gegenwart wäre er eine monumentale Erscheinung gewesen.

Bald nach unserem Gespräch gewann das Misstrauen wieder die Oberhand, bis kurz vor Redaktionsschluss rangen wir um die Freigabe. Es blieb sein letztes großes Interview – ein singulärer Einblick in die mythische Früh- und Hochzeit des deutschen Fußballs und die Folgen des Erfolgs für alle Beteiligten. Nun lebt von der Berner Mannschaft nur noch Horst Eckel, der Benjamin des Teams, der stets bereitwillig als Botschafter des Wunderteams fungiert – weshalb sich Hans Schäfer mit ihm komplett überwarf. In seiner Heimatstadt Köln werden sie diesen Querkopf auf ewig lieben, uns bleiben Ehrfurcht und Respekt vor seinen Erfolgen und seinem stolzem Eigensinn.

Herr Schäfer, Sie haben seit vielen Jahren öffentlich kein Wort mehr verloren über das Wunder von Bern. Warum nicht?

Weil der Erfolg von 1954 mit einem Wunder gar nichts zu tun hat. Das ist für mich kein Wunder. Es war einfach eine großartige Leistung einer großartigen Mannschaft, die dabei auch viel Glück gehabt hat. Ich distanziere mich übrigens auch von dem Begriff Helden. Ich weiß nicht, was unser Sieg mit Heldentum zu tun hat. Helden sind für mich Jungs, die an die Front gehen, kämpfen und sich eventuell auch noch erschießen lassen müssen, um das Vaterland zu retten. Aber es ist doch kein Heldentum, wenn ich ein Spiel gewinne, und sei es eine Weltmeisterschaft.

Sie hatten also nie das Gefühl, in der Nationalmannschaft eine besondere Aufgabe für Ihr Vaterland zu erledigen?

Doch, das hatte ich. Ich war Vertreter für Deutschland – selbstverständlich. Wir waren, wenn Sie so wollen, als Sportgesandte in der Welt. Dementsprechend mussten wir uns ja auch benehmen, auftreten. Vor allem nach einem verlorenen Krieg, nach dem die ganze Welt erst mal gegen die Deutschen war. Wir konnten nicht erwarten, dass sie uns mit offenen Armen aufnehmen.

Ihre Mannschaftskameraden von damals erzählen gerne über das Wunder und verdienen damit Geld.

Ich habe gesagt, ich verkaufe mich nicht. Ich habe es nicht nötig. Und wenn die anderen das machen, ist das für mich traurig. Soll ich in meinem Alter noch für drei Mark fuffzich durch die Welt tingeln? Das mache ich nicht. Das ist mir zu billig.

Haben Sie damals daran gedacht, dass sich der Titel für Sie auszahlen könnte?

Wir haben in den 50 Jahren nach Bern nie etwas durch den Fußball verdient. Warum fangt ihr plötzlich nach 50 Jahren an und macht so ein Theater? Wer kannte denn den DFB, wer kannte die Firma adidas, wer kannte die Firma Puma? Die sind alle expandiert, haben hinterher Umsätze gemacht. Der Anfang war unser Sieg 1954. Alles hat sich plötzlich interessiert für den deutschen Fußball. Ich frage die Verantwortlichen beim DFB: Was habt ihr mit uns gemacht? Uns habt ihr alle paar Jahre zum Essen eingeladen, eine Erbsensuppe ohne Brötchen – und Ende. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse damals waren ja auch anders, und da hatte der DFB wohl keine Möglichkeit, uns etwas anderes zu bieten.

Und heute?

Heute sage ich: Wenn das so ein Wunder war und wenn das so wichtig für Deutschland und für den DFB war, dann habt ihr doch jetzt ’ne Chance, ein bisschen was gutzumachen und für die Jungs was zu tun. Ich weiß, was die brauchen: Die brauchen alle Geld. Man könnte einen Fonds bilden bei der Sepp-Herberger-Stiftung, in den der DFB einzahlt, die Firmen adidas und Puma und alle, die von unserem Sieg profitiert haben. Das habe ich jetzt auch dem Präsidenten Mayer-Vorfelder geschrieben.

Sie sind verbittert.

Ja. Von meiner Seite aus ist die Verbitterung da.

Nur wegen des Geldes? Oder sind Sie auch menschlich enttäuscht?

Ja, sehr. Vor vier Jahren bin ich mit meiner Frau zum 80. Geburtstag von Fritz Walter gefahren. Bei den Feierlichkeiten hat sich dann kein Mensch um uns gekümmert, da hat man meine Frau, mich und noch ein paar andere, zum Beispiel Alfred Pfaff oder die Frau von Jupp Posipal, einfach links liegen lassen.

Die Mannschaftskameraden von früher…

…ob die 54er da waren, war denen total egal. Nur mit Fritz’ Bruder Ottmar und mit Horst Eckel haben sie sich dann zu einer Feier aufgemacht, zu der die anderen nicht mitkommen konnten. Das ist wohl unglaublich. Ich habe dem Fritz noch gratuliert und bin dann sofort nach Hause gefahren, war bei der offiziellen Feier am nächsten Tag nicht dabei. Da war der DFB natürlich sauer, hat sich dann aber offiziell entschuldigt. Aber von anderen, vom Horst Eckel, vom Ottmar oder vom Fritz – nicht ein Ton. Auf die drei bleibe ich sauer. Mit Eckel habe ich seither kein Wort mehr gesprochen.