Hans hatte Susanne verlassen. Daran gab es nichts zu deuteln. Er war klug und kultiviert, aber eben auch ein unglaublicher Schuft. Allein schon, wie er es gemacht hatte! Einfach aus der hübschen Wohnung zu spazieren, die so viel von ihnen beiden hatte, ohne ein Manuskript oder eine Zahnbürste, geschweige denn einen Koffer. Eine Zeit lang konnte Susanne seine Bewegungen anhand ihrer gemeinsamen Kreditkarte verfolgen. Am ersten Tag, an dem er weggeblieben war, besorgte er sich den schwarzen Rollkragenpullover neu, den er immer trug, dazu die schwarzen Jeans und die schwarzen Socken und außerdem – Zeichen einer Veränderung – seidene Boxershorts mit einem nicht näher bezeichneten Muster, aber man konnte nicht ohne Schaudern versuchen, es sich auszumalen. Zwei Tage nach seinem Exodus kaufte er sich Joggingschuhe. Es folgten drei, vier Badetücher, Betttücher, eine Tischdecke, billiges Besteck und eine Woche später ein sehr teures, obwohl vielleicht doch nur für zwei bestimmtes Essen in einem Restaurant, das bekannt war für seine reiche Klientel, größtenteils Anwälte und Börsenleute, die einen Universitätsprofessor, auch einen namhaften, nicht erkennen würden. Schließlich ein paar einfache Mahlzeiten und noch ein Abendessen. Danach hörte die Kreditkarte auf zu sprechen. Er hatte sich offenbar eine neue besorgt.

Die gemeinsamen Freunde trösteten Susanne. Alle stellten sich vor, Hans sei mit einer jüngeren Frau weggelaufen, die vielleicht hübscher, frischer, neuer war als Susanne, und alle behaupteten, sie könnten gar nicht verstehen, was ihn dazu getrieben hatte, obwohl sie es sehr gut verstanden. Wer genau hinhörte, konnte in der verzückten Empörung über Hans auch Neid auf den umtriebigen Mann und Kummer über einen wirklichen Verlust erkennen: Hans und Susanne waren ein Paar wie aus dem Bilderbuch gewesen, sie hatten ein offenes Haus geführt, und nun zerstörte Hans eine Institution, die mindestens einmal in der Woche die richtigen Leute mit Essen und Gespräch versorgt hatte. In ihrer Lage konnte Susanne niemanden mehr einladen – und außerdem, wer wäre gekommen? Hans war eben doch immer die Hauptattraktion gewesen. Dieser kluge Mann. Verloren stand das Klavier in der Ecke. Die beiden Kinder ließen die Köpfe hängen – es war kein erfreulicher Anblick. Alle verabscheuten Hans wegen seines Egoismus. Für die verlassene Frau war es ein Trost, wie sie auf ihn schimpften.

Die Zeit verging, wie üblich. Niemand wusste, wo Hans steckte. In seinem Büro an der Uni zeigte er sich nicht, veröffentlichte jedoch weiter Aufsätze, arbeitete also und freute sich offenbar seines Lebens – auf Kosten aller anderen. Als Weihnachten näher rückte, wuchs die Empörung über Hans noch.

Dann fand ihn sein Assistent Sander zufällig. Sander war in einem billigeren Stadtteil auf Schnäppchenjagd gewesen und hatte ihn in der Delikatessenabteilung eines großen, hässlichen Kaufhauses entdeckt – an der Käsetheke. Hans hatte noch versucht, sich zu verdrücken, aber Sander war ihm gefolgt und hatte ihn schnell eingeholt. Mit seinen dreißig Jahren war er der jüngere, während Hans trotz seiner Schlankheit etwas von einem Stubenhocker hatte. So erzählte es Sander später und verzierte seinen Bericht mit Meinungsäußerungen. Hans habe, nun ja, etwas verwirrt ausgesehen, obwohl andererseits, zugegeben, noch immer ungefähr wie früher, ganz in Schwarz. Alter und Abenteuer hätten in seinem Gesicht keine neuen Reifenspuren hinterlassen. Und er habe alles zugegeben, die ganze erbärmliche Wahrheit. Es war unglaublich jämmerlich. Hans hatte sich sogar noch einmal umgedreht und Sander die Wahrheit gezeigt. Sie war gerade dabei, mittelalten Gouda in Scheiben zu schneiden, und ihre runden Backen und die Stirn strahlten wie Neonleuchtkörper. Eine Verkäuferin in weißer Montur, breit wie die Theke, fettleibig, eine richtige Tonne. Hans hatte sich über Einzelheiten ausgelassen. Früher habe das Mädchen in der Kosmetikabteilung gearbeitet und ihm dort ein teures Deo verkauft. Er vertraute Sander auch an, dass er schon immer eine Vorliebe für sehr dicke, sehr junge, ungebildete Frauen gehabt habe. Er sei jetzt vierzig, das Mädchen dagegen sei erst siebzehn. Es war also nicht mal halb so alt wie er, aber doppelt so schwer. Anscheinend hatte er sich zuerst in seinem Arbeitszimmer an der Uni mit ihr getroffen. Dort stand auch eine schmale Liege. Er beschrieb, wie die Liege zu schmal gewesen sei, wie die Konturen seiner Freundin an den Rändern überflossen. Einmal habe Susanne ihn unerwartet in seinem Büro besucht, und er habe das Mädchen in einen eingebauten Aktenschrank zwängen müssen, bis er seine Frau mit einer Geschichte über einen dringenden Abgabetermin abgewimmelt habe. Dieser Besuch sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, hatte Hans gesagt. Lügen könne er nicht leiden, und dieses Mädchen gehe ihm über alles. Er finde es herrlich, dass sie anders als Susanne keine Ansichten über Kunst und Politik habe, dass sie ihn nur wegen seines Geldes und seiner guten Figur verehre und wegen seiner Erfahrenheit in der Liebe. Sie arbeite noch immer in dem Kaufhaus; auch das gefalle ihm. Er zeigte noch einmal auf sie: "Das ist meine neue Frau, ob es Ihnen passt oder nicht." Er hatte sie nicht miteinander bekannt gemacht, was Sander nicht überraschte. Es wäre nur peinlich gewesen.

Die verlassene Ehefrau wurde informiert und mit ihr der ganze Freundes- und Bekanntenkreis. Sie hatte ein schmales, perfektes Gesicht, eine schmale, perfekte Figur, perfekte dunkle Korkenzieherlocken, und ständig tröpfelten aus ihr Erkenntnisse über die Kunst in den reglosen See der sie umgebenden öffentlichen Meinung. Susanne und alle anderen verständigten sich schließlich darauf, dass sie einfach zu viel Frau für Hans gewesen sei.

Um Weihnachten kam sie sich nicht mehr verachtet vor. Schließlich war ihr Mann derjenige, der verrückt spielte. Sie entkrampfte sich. Wann immer Sander von seiner eigenen Frau loskam, bewies er Susanne, dass sie nicht zu viel Frau war, jedenfalls nicht für ihn.

Unterdessen ertrank die allgemeine Empörung über Hans in munter quirlendem Klatsch. Wie sollte man auf jemanden böse sein, der, von seiner abartigen Besessenheit getrieben, einen so haarsträubenden Fehler gemacht hatte? Beneidet wurde Hans nun von niemandem mehr. Stattdessen bemitleideten ihn alle aus vollem Herzen. Kurz, ihm wurde verziehen.

Die Zeit behielt ihr Tempo bei, und irgendwann nahm Hans seine Arbeit in der Universität wieder auf. Eines schönen Nachmittags im Frühling sah Sander ihn auf dem Campus herumradeln. Auf der Lenkstange vor ihm balancierte in verliebter Pose eine schlanke, junge Frau. Hans bremste, half der Frau vom Lenker und stellte sie, ohne zu zögern, als "die Frau, mit der ich jetzt zusammen bin" vor. Sander glotzte, und die Frau sagte in selbstbewusstem Ton hallo. Sie war Mitte dreißig – eine hübsche Römerin, wie sich herausstellte, die an der Universität italienische Literatur unterrichtete. Die Sache mit der dicken Verkäuferin – eine einzige riesengroße Lüge.