Ganz am Ende, nachdem alles gesagt ist, alle Motive gestreift, alle gewollten und ungewollten Reminiszenzen angeklungen sind, wenn die Musik fast vorbei ist und nur noch ein selbstgenügsam vor sich hin kreiselndes Feedback ertönt, das den nervösen Daumen die Skip-Taste auf der Fernbedienung suchen lässt – ganz am Ende also kommt noch mal was: eine Art verschollener Track, in dem von einer verschollenen Band erzählt wird. Wunderdinge sagt man ihr nach, doch keiner war je bei einem ihrer Auftritte dabei. Sie hat den Hit aller Zeiten im Repertoire, nur weiß leider niemand, wie er klingt. Man kann ihn nicht im Radio hören und auch nicht im Laden kaufen. Es ist nicht einmal sicher, ob er wirklich existiert.

Countrymusik ohne Cowboyhut

"The best song will never be sung", singt Jeff Tweedy in Late Greats, dem Stück, mit dem sein jüngster Songzyklus nach fast 70 Minuten doch noch ausklingt. Der Titel ließe sich als spöttische Epistel auf all die Sonderlinge lesen, die Jäger und Sammler, die auf Plattenbörsen und Flohmärkten ihr Unwesen treiben, immer auf der Suche nach einem knisternden Wunder. Wer allerdings so lange dabeigeblieben ist, sich durchgehört hat durch die zerklüfteten Landschaften von Tweedys Songs, wer Durststrecken in Kauf genommen hat und Überlängen, um schließlich mit einem rauschenden Finale belohnt zu werden, der weiß, dass nur in eigener Sache gesprochen wurde.

Jeff Tweedy, Sänger und Songwriter der Band Wilco, ist selbst eine dieser Gestalten, die kein Ende finden können oder wollen. Die in Auslaufrillen und auf seltenen B-Seiten nach Botschaften horchen, wie sie noch nie gesungen wurden, und sich anschließend in Proberäumen zusammenrotten, um die Musik ihrer Träume mit eigenem Leben zu erfüllen. Dass der beste Song aller Zeiten die Lungen seines Sängers womöglich nicht verlassen hat, ist kein Grund für ihn, die Suche danach einzustellen. Und die vielen Nachrufe, die dem Lied schon geschrieben worden sind, begreift er als Herausforderung.

Von der Fassade eines migränegeplagten Grüblers, auf Fotos zur Schau getragen, sollte man sich nicht täuschen lassen: Dahinter ist Tweedy ein Optimist geblieben. Nie hat er die Vorstellung, das Beste könnte vielleicht doch noch kommen, ganz von seiner Agenda gestrichen. Anders als all die Heimwerker in den Trümmern der Popgeschichte, die Lötkolbenavantgardisten, Beatles-Nachmacher und Neil-Young-Epigonen, glaubt er an die hehren Prinzipien der Originalität und der Autorschaft. Late Greats, der Song über den letzten Song, hat tatsächlich etwas Programmatisches: Im Bewusstsein, spät, aber nicht zu spät dran zu sein, sollen dem großen amerikanischen Songbook ein paar Noten hinzugefügt werden.

Vielleicht muss man Traditionalist sein, um von der Zukunft so viel zu erwarten. Uncle Tupelo hieß die Band, mit der Jeff Tweedy sich in den späten Achtzigern als Archivar der einheimischen Musikgeschichte hervortat, Eigenkompositionen vortrug, die wie Traditionals klangen, überlieferte Weisen dagegen wie Punksongs verstand und auch so interpretierte. Die Akustische kehrte wieder und das Banjo, die Lieder handelten von den Sehnsüchten einer Boheme, der der Cowboyhut in unübersichtlich gewordenen Zeiten näher war als die elektronische Spielkonsole. Als Uncle Tupelo sich 1993 trennten, hatten sie, ohne es selbst recht zu bemerken, ein eigenes Genre begründet: Alternative Country.

Alternative Country, das war der Versuch der jüngeren Generation, die Tradition aus dem Würgegriff der Traditionalisten zu befreien. Der Schlachtruf galt Nashville, wo millionenschwere Populisten in Strass-Anzügen den Wilden Westen zum Chart-Futter heruntergewirtschaftet hatten. Statt weiterhin auf die große Produktion zu setzen, den radiotauglichen Trucker-Sound, kehrte man zur Kneipenbühne zurück, ins Hinterzimmer oder sogar ans Lagerfeuer. Doch wie es eben so ist in der populären Kultur: Binnen kürzester Zeit waren die Revoluzzer selbst zu Platzhirschen geworden, die sich in Spezialmagazinen feiern und ansonsten ungern von der Nachkommenschaft in die Suppe spucken ließen. Zeit für Jeff Tweedy, abzuspringen.

Mission des Sound-Despoten