Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil ist am Dienstag um 23.33 Uhr an den Folgen eines plötzlichen Lungenversagens zwei Tage vor dem Ende seiner zwölfjährigen Amtszeit in einem Wiener Krankenhaus gestorben. Er war der am längsten im Amt befindliche republikanische Staatschef in Europa. Er wurde 71 Jahre alt. Sein Nachfolger, der Sozialdemokrat Heinz Fischer, tritt sein Amt am Donnerstag dieser Woche an.

Ärztlichen Angaben zufolge hatte Klestil am Montagmorgen nach "einem Fehler in der Lungenfunktion" in seinem Privathaus das Bewusstsein verloren. Mitarbeiter des Bundespräsidenten hätten zwar sogleich erste Wiederbelebungsmaßnahmen vorgenommen. Im Krankenhaus, wohin er mit einem Rettungshubschrauber gebracht worden war, wurde ein Herzstillstand festgestellt. Sofort einsetzende Wiederbelebungsmaßnahmen seien zwar erfolgreich gewesen, doch hatten die Ärzte bereits zu diesem Zeitpunkt nur noch wenig Hoffnung. Der Patient sei insgesamt durch vorangegangene Krankheiten zu geschwächt.

Der Berufsdiplomat Thomas Klestil war als Kandidat der christlich-demokratischen ÖVP am 24. Mai 1992 mit 56,85 Prozent der Stimmen zum Staatsoberhaupt gewählt worden; der Präsident wird in Österreich durch Volkswahl bestellt. Er folgte damit auf den wegen seiner unklaren militärischen Laufbahn während der Nazizeit umstrittenen Kurt Waldheim, dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1986 Österreichs Reputation international mehr und vor allem nachhaltiger geschadet hatte als später die Koalition des Christdemokraten Wolfgang Schüssels mit der rechtspopulistischen Partei von Jörg Haider. Der neue Präsident hat es verstanden, das Land aus dieser prekären Situation zunächst wieder heraus zu führen. In ersten Würdigungen seiner Amtszeit haben Kommentatoren in Österreich vor allem das als seine bleibende Leistung gewürdigt.
Am 19. April 1998 wurde Klestil mit 63,49 Prozent der Stimmen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Diese Amtszeit wäre offiziell am Donnerstag zu Ende gegangen. Sein Nachfolger, der langjährige Parlamentspräsident, der Sozialdemokrat Heinz Fischer (65), konnte sich am 25. April dieses Jahres mit 52,39 Prozent gegen die konservative Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (47, 61) durchsetzen.

Als Diplomat hatte Klestil seinem Land unter anderem in den Achtzigerjahren als Botschafter in Washington gedient, wo er von Diplomaten aus aller Welt um seine zuvor als Generalkonsul in Kalifornien begründeten hervorragenden Beziehungen zu den Reagans und deren Stab beneidet worden war. Sein sehnlichster Wunsch, Außenminister in Wien zu werden, blieb unerfüllt. Doch der Mann, der an dieser Position trotz eigener unübersehbarer Krankheit hartnäckig festhielt, der ÖVP-Veteran Alois Mock, machte ihn stattdessen zum Präsidentschaftskandidaten. Er war eine Verlegenheitslösung der ÖVP. Aber Klestil führte einen überaus erfolgreichen Wahlkampf, wobei er einige Traditionen des eigenen Lagers verletzte. Er ging deutlich auf Distanz zu den Parteien, auch gegenüber der ÖVP, versprach - jenseits der realen verfassungspolitischen Möglichkeiten des Präsidenten - eine starke Führung und warb mit der populistischen Parole "Österreich zuerst", die sich danach der Rechtspopulist Jörg Haider zu Eigen machte.

Es war vor allem Haiders Aufstieg in Österreichs Politik, der die zweite Amtszeit Klestils überschattete. Bis zuletzt hatte der konservative Präsident versucht, die Bildung der Rechtskoalition aus ÖVP und FPÖ zu verhindern, doch überstieg dies seine Möglichkeiten. Unvergesslich ist in Österreich die demonstrativ eisige Miene, mit der Klestil im Februar 2000 die neue Regierung vereidigte. Zuvor hatte er mit seinem Einspruch die Nominierung von zwei FPÖ-Ministern als politisch untragbar verhindert. Das Verhältnis zwischen Klestil und dem in Europa isolierten Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nahm damals bleibenden Schaden. Ihr Kontakt blieb auf ein Mindestmaß reduziert, in Wien machte immer wieder die Runde, was die beiden über den jeweils anderen vor allem persönlich Abträgliches zu sagen hatten.

Gelitten hat Klestils Beziehung zu der ihm eigentlich nahe stehenden Regierung allerdings auch dadurch, dass er in seiner Amtszeit seine frühere Mitarbeiterin im Außenministerium, die Berufsdiplomatin Margot Löffler, in zweiter Ehe heiratete. Eine Konfliktscheidung von seiner ersten Frau hatte zuvor die Medien ausführlich beschäftigt. Die neue "First Lady" blieb weiter im Ministerium tätig, was als selbstständige Frau ihr gutes Recht war. Allerdings führte dies zu Komplikationen. Das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Chefin, der bekannt ehrpusseligen Außenministerin, gestaltete sich in der Folge bei staatsoffiziellen Anlässen überaus schwierig. Positionskämpfe und Sticheleien in der Hofburg lieferten allerlei kuriose Klatsch-und-Tratsch-Geschichten, was der Autorität des Ersten Manns nicht förderlich sein konnte.

Bereits im Herbst 1996 war Klestil an einer "atypischen Lungenentzündung" erkrankt, im November kam eine Lungenembolie hinzu. Der Bundespräsident fiel bis zum April 1997 weitgehend aus, nahm dann aber seine Amtsgeschäfte wieder auf und galt als genesen.