Man kennt sie aus unzähligen amerikanischen Filmen, die Mietskasernen mit den fensterlosen Korridoren, eine hässliche Sing-Sing-Tür neben der anderen und trübe Glühbirnen an niedriger Decke. Alle möglichen Psychopathen sind dort zu Hause. Oder kommen mit dem Fahrstuhl hoch. Etwa der sadistische Hausmeister, der vorgibt, er müsse unbedingt in die Wohnung, um irgendwelche Wasserschäden zu kontrollieren. Weigert man sich, zückt er einfach seinen Generalschlüssel. Auch im Waschkeller kann er auftauchen, wenn man da zufällig spätnachts was zu erledigen hat. Oder es steht plötzlich diese quallige aufdringliche Esoteriktrulle auf der Schwelle in Begleitung ihrer ebenso qualligen und dreisten Tochter. Sie dringen in die Wohnung ein, ziehen Schubladen auf, gucken in Schränke, werfen sich Bemerkungen zu wie "Da drin ist nichts" und lassen durchblicken, dass sie sich gern für immer hier einnisten würden.

Denn Casey (was von Cassiopeia kommt) ist seit kurzem allein in der Wohnung. Mutterseelenallein. Und einige Leute wissen davon. Eine Situation, die der zwölfjährigen Heldin über den Kopf zu wachsen droht. Nicht nur sitzt sie ohne Geld da, und die Miete ist fällig, vom täglichen Bedarf an Fast Food mal ganz abgesehen. Was sie viel mehr fertig macht, ist die Tatsache, dass die geliebte, aber leider auch recht labile Stiefmutter sie im Stich gelassen hat. Einfach abgehauen, während Casey in der Schule war, ohne Abschiedsbrief.

Doch der Ziehsohn des unangenehmen Hausmeisters, schon sechzehn, gewieft, kriminell weniger aus Neigung als aus Überlebensdrang, entpuppt sich als eine Art Beschützer – eine gekonnte Volte der Autorin; die Überraschung gelingt.

Man wird an Jodie Foster in Das Mädchen am Ende der Straße erinnert, denn auch Casey lässt sich zu einer Verzweiflungstat hinreißen. Kein Mord zwar, aber Raub und Einbruch immerhin, was ihr schwer auf der Seele liegt. Hilfe kommt, wie es sich gehört, erst im prekärsten Moment, als alles endgültig verloren scheint. Und zuletzt kehrt auch die Stiefmutter heim, reumütig, und Casey wird ihr wohl eine zweite Chance geben. Es kommt bekanntlich bei einer Geschichte nicht darauf an, dass man sie für wahr halten könnte, sondern dass ihre Helden unsere Teilnahme wecken. Meine hatten sie.

Was das Buch zudem auszeichnet ist die – bei einer so thrillerhaften Handlung nicht unbedingt vermutete – Unaufgeregtheit des Erzählstils; kein Hauptsatz-Stakkato, und obgleich er an Caseys Perspektive gebunden ist, wird man dankenswerterweise nicht mit Jugendjargon genervt. Die Konzentration auf das Haus, durch die wenigen Abstecher nach draußen eher verstärkt, ist ein kluger, fast schon filmischer Kunstgriff. Die aufwändige Mitarbeit aller in der Danksagung Genannten hat sich gelohnt.

Trotzdem hat eine derart dedizierte Verdienstbescheinigung etwas Peinliches. Mag es in Amerika guter Pop-Brauch sein, aber warum in der deutschen Ausgabe drucken?