Die Deutschen sterben aus, und wer ist schuld? Die Eltern – sagt Bundesfamilienministerin Renate Schmidt: Für sie müsse immer "alles perfekt sein". Erst müsse der Beruf gesichert, das Haus gebaut und die Kinderbetreuung arrangiert sein. Keines ihrer eigenen drei Kinder, sagt die 60-jährige Ministerin, wäre geboren worden, hätte sie solche Ansprüche gestellt.

Der Perfektionismus ist nie in den Olymp der Tugenden vorgedrungen. Dort sitzen sie beieinander: Die Gerechtigkeit (Iustitia) verteilt den Braten des Bären, den die Tapferkeit (Fortitudo) erlegt hat, die Mäßigung (Temperantia) gießt unterdessen die Weingläser halb voll, während die Klugheit (Prudentia) den Riegel vorschiebt, sodass der Perfektionismus (den es so nur in deutsch gibt) nicht reinkommt.

Recht so, denn dieser humorlos-lähmende Gesell ruiniert jeden Schmaus. Vor allem fehlt dem Perfektionismus das gewisse Etwas, das die anderen Verhaltensweisen erst in ihren Olymp erhebt: die Idee des Guten, die alles Fragen verstummen lässt. Gerechtigkeit zum Beispiel ist ihr eigener Zweck, und deswegen fragen wir nicht, wozu man gerecht sein solle – aber beim Perfektionismus ist die Frage berechtigt. Da ist es wie beim Frühaufstehen (und anderen Sekundärtugenden), denn ob dies gut ist, hängt davon ab, was man am frühen Morgen anstellt. Deswegen ist der Perfektionismus manchmal wünschenswert (bei Atomkraftwerken), manchmal abschreckend (beim romantischen Stelldichein), aber nie an sich gut.

Nun wäre es sittlicher Fortschritt, wenn die Ethik nicht dem Nutzen (= Kinder für die Rentenkasse) untergeordnet wird, aber ein Ethikrat ist dennoch vonnöten. Dabei braucht die Familienministerin selbst keinen Rat, da für Schmidt solche Zusammenhänge rätselhafterweise nicht gelten – in einem Fragebogen gibt die dreifache Mutter den Perfektionismus als ihre Schwäche an. Doch für uns gewöhnlich Sterbliche, denen er die Kinderlust raubt, ist Rat vonnöten. Sollen wir die pedantische Rückversicherungsmentalität abschütteln und mutig (Fortitudo!) Kinder in die Welt setzen?

Ja, sagt der Ethikrat und ist sich bewusst, dass das wenig hilft. Denn zum einen lassen sich Charakterzüge nicht einfach ablegen wie eine zu enge Jacke. Fest hält der Perfektionismus seine Opfer in den Klauen. Zum anderen gibt es eine eigentümliche Dialektik; der Perfektionismus wird genau dann gefährlich, wenn er keiner Idee des Guten dient. Und solche Ideen haben wir beim großen metaphysischen Reinemachen des letzten Jahrhunderts leider hinausgeworfen, als wir die Couchgarnitur des Behaglichkeits- und Wohlstandskultes in die gute Stube unserer Seele stellten. Und wer nicht weiß, wohin, der verfängt sich im Gestrüpp des Wie. Egal was, Hauptsache, fehlerfrei! Die vielen Lebensratgeber mit sechsstelligen Auflagen können nicht irren, wenn sie warnen, dass man die eigentlich wichtigen Ziele erst identifizieren muss, bevor man loslegt.

Aber das ist nur die halbe Antwort; Kant statt Küblböck ist die ganze. Denn der alte Königsberger wusste schon, dass nicht alles als Idee des Guten taugt – der bloße Spaß zum Beispiel nicht. Eine Orientierung, die den Perfektionismus im Zaum hält, muss einen Anspruch jenseits unserer Wünsche, Neigungen und Karriereziele erheben können. Wir müssen nach Idealen suchen, die unsere Achtung erfordern, weil sie größer sind als wir: die ehrwürdige Iustitia zum Beispiel, die Entfaltungsmöglichkeit von Kindern oder der Kampf gegen den Hunger der Welt. Auch wenn es paradox klingen mag, ausgerechnet Kant zum Fruchtbarkeitshelfer der Nation zu erheben: Wer solche Ideale anerkennt, für die sich der Einsatz lohnt, der nimmt seine eigenen Befindlichkeiten nicht mehr ganz so wichtig und wird sich tatkräftiger der Zukunft zuwenden. So gewinnen wir die (gleichsam metaphysische) Gelassenheit, dass wir nicht alles bestimmen und kontrollieren können. Zupacken und Zulassen – ideale Zeugungsbedingungen also.

Christian Illies