Der Safe irritiert. Links hinter der weißen Tür versteckt, steht der massive Metallkasten mit der Zahlentastatur auf dem Boden. Spätestens dieser Anblick macht unmissverständlich klar, dass das Zimmer 2-142 kein normales Büro ist. Es gehört Jürgen Mensching und ist voller Geheimnisse. Geschäftsgeheimnisse, um genau zu sein.

Ob es um Programme des Software-Riesen Microsoft, um die Geschäftszahlen der Musikkonzerne Sony und BMG oder um die geplante feindliche Übernahme des IT-Unternehmens Peoplesoft durch den Konkurrenten Oracle geht – Mensching muss alles studieren, an Kollegen weitergeben oder im Safe vor neugierigen Besuchern schützen. Mensching ist Direktor für den Bereich Information, Kommunikation und Medien, und das in der wohl mächtigsten Behörde Europas: der Generaldirektion Wettbewerb in Brüssel.

"Die Arbeit hier ist irrsinnig spannend", sagt Mensching, während er mit dem Zugangspass und der Kette um seinen Hals spielt. Er und die anderen fast 700 Mitarbeiter in der Wettbewerbsbehörde der Europäischen Union (EU) haben im Kern drei Aufgaben: Sie sollen kundenfeindliche Kartelle zerschlagen, durch Fusionen und Übernahmen entstehende übermächtige Konzerne verhindern und wettbewerbsverzerrende staatliche Subventionen untersagen. Die Generaldirektion gehört zu den wenigen Institutionen, mit denen "Brüssel" über die allgemeine Gesetzgebung hinaus direkt ins Tagesgeschehen eingreift. Ihr Wort entscheidet weltweit über milliardenschwere Pläne. Wettbewerbskommissar Mario Monti ist damit einer der einflussreichsten Köpfe der EU.

"Brüssel", dahinter verbergen sich Menschen wie Mensching. Ende des Jahres geht er in Rente. Weiß ist sein Schopf, rund sein Bauch und gutmütig sein Blick. Doch der Eindruck täuscht. Ende März gehörte Mensching zu dem kleinen Kreis derer, die sich in den Verhandlungen mit Microsoft-Chef Steve Ballmer und seinen Anwälten unnachgiebig zeigten. "Es gab keinen Grund, in Angst zu verfallen", sagt Mensching über die Gespräche mit dem mächtigen Gegner. Am Ende verhängte die Behörde die höchste Kartellstrafe in der Geschichte der EU. Fast 500 Millionen Euro soll Microsoft für den vermuteten Missbrauch seiner dominanten Marktposition zahlen und als technische Sanktionen Programme entkoppeln sowie geheime Details seines Betriebssystems Windows offen legen.

Eine Entscheidung, die nicht nur weltweit Schlagzeilen machte. An ihr hängt zu einem wesentlichen Teil auch die Zukunft der Wettbewerbsbehörde. Microsoft reichte im Juni Klage gegen das Urteil ein und forderte zudem, die Sanktionen der EU bis zum Ende des Hauptverfahrens auszusetzen. Das aber kann bis zu drei Jahre dauern – angesichts der Schnelllebigkeit der Computerbranche würde das Verdikt der EU faktisch irrelevant. Bis September wird mit einem vorläufigen richterlichen Spruch zu Microsofts Forderung gerechnet. Bis dahin suspendierte die Kommission vergangene Woche die technischen Sanktionen – aus Angst, so einige Journalisten voreilig, aus Rücksicht auf das Gericht, so die Behörde.

In den kommenden Monaten stehen weitere wegweisende Entscheidungen an, insbesondere das Urteil im Prozess über das seinerzeit spektakuläre, in den Vereinigten Staaten heftig kritisierte Verbot der Übernahme des US-Konzerns Honeywell durch den ebenfalls amerikanischen Konzern General Electric (GE) aus dem Jahr 2001. Und über allem schwebt die Frage nach der Nachfolge von Wettbewerbskommissar Monti.

Gerne, so ist in diesen Tagen zu hören, käme dabei Frankreich zum Zug. Ausgerechnet Frankreich mit seinem Hang zur Industriepolitik – kein Land lag zuletzt mit der Behörde häufiger über Kreuz. Das ebenfalls subventionsfreudige Deutschland wiederum, so hochrangige Brüsseler Kreise, wolle den Beihilfenbereich komplett abspalten und dem von Berlin geforderten Superkommissar für Wirtschaft zuschlagen. Im Kanzleramt will man dies nicht bestätigen. Entscheidende Monate liegen vor der Generaldirektion, die im Jahr 2002 in eine tiefe Krise geriet und dann das europäische Wettbewerbsrecht sowie ihre Strukturen grundlegend reformierte. "Wir haben uns neu erfunden", gibt sich ein Mitarbeiter zuversichtlich. Jetzt hofft man, zu alter Ruhe und Stärke zurückzufinden.

Rückblende: Ende der neunziger Jahre ist die Wettbewerbsbehörde auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Ihre Arbeit, insbesondere in der Fusionskontrolle, gilt als unbestechlich und unverzichtbar. Doch intern werden erste Risse sichtbar. "Das Gefühl, dass etwas geschehen muss, begann schon 1998 mit dem Start der großen Fusionswelle", berichtet Götz Drauz, damals zuständig für Fusionen (Mergers) und Leiter der legendären Merger Task Force. Von 1997 bis 2000 verdoppelte sich die Zahl der angemeldeten Fusionsfälle von 172 auf 345. Immer größer wurden die Zusammenschlüsse, immer komplexer die Ermittlungen. Die Frist von vier Monaten für eingehende Prüfungen aber blieb. Die Merger Task Force wuchs auf rund 100 Mitarbeiter an, die oft auch nachts und am Wochenende arbeiteten. "Das sah man den Leuten auch an", erinnert sich Bernhard Friess, heute Abteilungsleiter im Kartellbereich. "Die Merger Task Force kam an die Grenzen dessen, was sie leisten konnte", sagt Drauz.