Herr Mux ist ein Schwiegersohn, den die junge Tochter gefahrlos mit nach Hause bringen dürfte. Er ist adrett, selbstbewusst und trägt weiße Hemden. Dass er Philosophie studiert hat, sollte uns nicht weiter stören, das gibt sich wieder. Aus einem Herrn Mux wird trotzdem etwas Anständiges. Vielleicht macht er bei einer deutschen Bank Karriere und wird sogar ein "Herr Direktor". Achtung und Anstand sind ihm wichtig, auch Ordnung, denn Ordnung ist das halbe Leben. Wenn er das sagt, wird seine Stimme kalt, eiskalt. Denn Herr Herr Mux ist ein Abgrund.

Der junge Mann, gespielt von Jan Henrik Stahlberg, hat nämlich zwei Gesichter. Er kämpft als Privatmann für Moral und Ordnung, denn die deutsche Verantwortungslosigkeit ist ihm zuwider. Es ist nicht so, dass seine Entrüstung gespielt wäre. Der Berliner Weltverbesserer leidet wirklich, und die kleinen und großen Sünder empören ihn zutiefst. Dass Rüstungskonzerne vom Elend profitieren und Michael Schumacher in Deutschland keine Steuern zahlt, macht ihn fassungslos. "Jedes Land hat die Helden, die es verdient. Armes Land." Unsere Gesellschaft, sagt Herr Mux, hat ihre Ideale verloren. Dann zieht er los wie Don Quichotte und stürmt zusammen mit Sancho Pansa, dem Langzeitarbeitlosen Gerd (Fritz Roth), gegen die Windmühlen des Verfalls. "Ich überführe in der Woche 60 bis 80 Straftäter", sagt er schneidend wie ein Feldwebel. Schwarzfahrer, Schnellfahrer, Kaufhausdiebe, Freibadpinkler, Graffiti-Sprayer, Päderasten, Familienmörder. Unerbittlich, ungerührt, ohne Erbarmen. "Nicht, dass ich das noch mal zu beanstanden habe."

Einmal in Fahrt gekommen, verwandelt sich in Marcus Mittermeiers Debütfilm Muxmäuschenstill die empfindsame Seele in den Blockwart der Moral. Aus Zivilcourage wird Selbstjustiz, und aus Herrn Mux ein Mann, der das Gute will und doch das Böse schafft. Herr Mux ist das Gesetz und die Rache, der Polizist und der Richter in einer Person. "Verdorbenen" Mädchen bringt er Anstand bei und verpasst ihnen einen Schock fürs Leben. Wer mit dem Auto zu schnell fährt, muss das Lenkrad abschrauben. Das ist eine "kleine pädagogische Maßnahme. Sie werden dafür Verständnis zeigen."

Herr Mux ist eine Mischung aus linkem Wahn und rechter Ordnung, aus Terror und Tugend. Hundebesitzer drückt er mit der Nase in den Kot ihres Vierbeiners. Einem Graffiti-Sprayer sprüht er Farbe ins Gesicht, als wolle er ihn gleich ganz auslöschen. Halb blind taumelt der Täter vor eine S-Bahn. So kämpft die Tugend gegen den Weltlauf. Fiat justitia… Es werde Gerechtigkeit, und mag die Welt daran zugrunde gehen. Bis die Erde wieder ganz still ist, mucksmäuschenstill.

Mittermeiers Film , der auf dem Max-Ophüls-Nachwuchsfestival in Saarbrücken den Hauptpreis gewann, ist ohne Fördergelder gedreht worden, und auch die öffentlich-rechtlichen Gebührensender weigerten sich, auch nur einen Cent zu geben. Das Stammeln und Stottern ihrer Absagebriefe, so hört man heraus, sei Stoff für eine eigene Satire. Nach Lage der Dinge kann dies nicht überraschen. Muxmäuschenstill ist nämlich ein ganz und gar ungewöhnlicher Film. Nicht nur, weil er mit der Handkamera gedreht wurde und seine von Techno-Musik getriebene Komik schwarz ist wie die Nacht. Nicht nur, weil sich sein Hauptdarsteller das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat und alle wichtigen Positionen mit Debütanten und Laien besetzt sind. Sondern weil es ein sehr deutscher Film ist, gesättigt von zarten, unaufdringlichen Anspielungen auf Klassik und Romantik, auf Philosophie und Literatur. Stahlberg und Mittermaier zitieren Hegels Phänomenologie und Goethes Italienische Reise, natürlich Michael Kohlhaas, wie überhaupt Kleists Sehnsucht nach Unmittelbarkeit über allem schwebt.

Dass Mux ein Philosoph der Ordnung ist, spielt keine ganz geringe Rolle. Auf seinem Nachttisch liegt ein Kant-Brevier mit Kalendersprüchen für den sauberen Spießer. "Jede Maxime muss für die Allgemeinheit gültig sein." Doch sobald Herr Mux den kategorischen Imperativ in den Weltkörper prügelt, ist es mit der Moral vorbei. Dann ist das Gerechte nicht mehr gerecht, und was Herr Mux für das moralische Gesetz tut, tut er für sich: Er verdient damit Geld. Einer Schwarzfahrerin verkauft er ein überteuertes Ticket. Ansonsten interessiert ihn weniger das Opfer, sondern die öffentliche Anerkennung, die ihm die Überführung der Täter einträgt. Aus der Moral wird Reklame in eigener Sache, und bald ist sie Gold wert. Er kommt ins Fernsehen und gründet eine "Gesellschaft für Gemeinsinnpflege". Als Moralunternehmer ist Herr Mux keinen Deut besser als die vielen kleinen Ich-AGs, die er nicht ausstehen kann. Auch seine Versprechen klingen hohl und leer. Mux spielt den weißen moralischen Ritter und verspricht den Menschen das Blaue vom Himmel. Dann ist er sehr romantisch, aber seine Romantik ist die Rührung des Hartherzigen. Er will seiner alten Nachbarin einen Herzenswunsch erfüllen und sie mitnehmen nach Capri, wo die Sonne im Meer versinkt. Die Sonne geht unter und die Nachbarin stirbt. Sie hat die Insel nie gesehen.

Bis dahin konnte der Zuschauer glauben, Mittermaier und Stahlberg seien brave Aufklärer, die die Dunkelkammer der bürgerlichen Seele öffnen, um zu zeigen, wer darin haust: mal der autoritäre Charakter und mal der politisch Korrekte. Oder die kleine moralische Supermacht, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen privaten Angriffskrieg auf den kriminellen Nachbarn verübt.

Aber das wäre nicht einmal die halbe Wahrheit. Muxmäuschenstills großes und heimliches Thema ist nicht die Moral, sondern das Herzensleid der deutschen Romantik - die Entfremdung. Entfremdung heißt nicht Herrschaft der Maschine; Entfremdung heißt, wie vor 200 Jahren: bürgerliche Kälte und verbotene Nähe, zerfurchte Wahrnehmung und verdorbene Sprache. Unter dieser Entfremdung leidet Herr Mux wie ein Hund, auch wenn er augenscheinlich nichts davon weiß. Vielleicht ist sein hysterisches Verlangen nach Ordnung nur der pervertierte Wunsch nach Nähe, nach Unmittelbarkeit und Anerkennung. "Ich bin das, was man einen Einzelgänger nennt", sagt er von sich, und man weiß gleich, warum. Er ist einsam, weil er die Menschen nicht erkennt, weil er viel sieht und nichts erblickt.