Ein Vater spielt mit seinem Kind. Er beugt sich über den Säugling, lächelt ihn an, flötet ihm mit hoher Stimme Worte entgegen, nickt, wenn das Kind reagiert. Dann nimmt er es hoch und schaut dem nun fröhlich glucksenden Baby in die Augen.

Was aussieht wie ein belangloses Familienvideo, ist für Heidi Keller die Basis ihrer Forschungsarbeit. Sie und ihre Mitarbeiter haben viele solcher Aufnahmen in Sekundenhäppchen aufgeteilt und exakt notiert, wie Väter, Mütter und ihre Kinder miteinander kommunizieren: Schauen sie sich in die Augen? Wie lange halten sie den Blick? Wie berühren die Eltern das Kind? Wann kommen Gegenstände ins Spiel? Dabei hat die Osnabrücker Entwicklungspsychologin eine interessante Entdeckung gemacht: "Eltern schauen ihren Säuglingen heute viel häufiger direkt ins Gesicht als früher und reden mehr mit ihnen", sagt Heidi Keller, "dafür hat der Körperkontakt mit den Jahren deutlich abgenommen." Zur Illustration legt die Forscherin ein weiteres Video ein, einen Schwarzweißstreifen aus den siebziger Jahren. Auch da trägt der Vater das Kind auf dem Schoß, doch die Blickwechsel sind seltener, richten sich mehr zur Welt als zueinander.

Überall auf der Welt lieben Babys den Hautkontakt

Seit zwanzig Jahren untersucht Heidi Keller, wie Mütter und Väter mit ihren Kleinkindern interagieren – in Osnabrück, wo sie das Fachgebiet Entwicklung und Kultur leitet, ebenso wie als Gastprofessorin in Asien, Afrika und Lateinamerika. Die Psychologin will herausfinden, wo die Gemeinsamkeiten im Eltern-Kind-Verhalten liegen, inwiefern sich Berührungen, Blicke, Spiele je nach Zeit und Kultur unterscheiden und welche Schlüsse sich daraus für die jeweilige Gesellschaft ziehen lassen. Mit dieser Forschung gibt sie eine wissenschaftliche Antwort auf die Frage, die alle Eltern bewegt: Was können wir tun, damit unser Kind einen guten Start ins Leben hat?

Eines ist den Babys in allen Kulturen gemein: Vom ersten Tag ihres Lebens an sind sie lieber mit anderen zusammen als allein. Sie schauen sich gern Gesichter an, lieben Hautkontakt und unterscheiden bereits zwischen Personen und Objekten. Wie stark Mütter auf diese Bedürfnisse reagieren, ist jedoch sehr unterschiedlich.

Einfühlsames Reden und intensiver Blickkontakt zum Beispiel, das so genannte Face-to-Face-Verhalten, sieht man bei afrikanischen Müttern selten. In Deutschland dagegen hat diese Form elterlicher Zuwendung in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen, wie Kellers Arbeiten zeigen. Die Mutter behandelt den Säugling bereits als eine individuelle Persönlichkeit, spricht und blickt ihn an und wartet auf eine Reaktion. Die Eltern tun dies automatisch, ohne viel nachzudenken. Dennoch, so glaubt Heidi Keller, folgten sie dabei einer Strategie: Von den ersten Monaten an solle der junge Mensch hierzulande zur Selbstständigkeit erzogen und damit für eine auf Eigenständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit gepolte Gesellschaft besser gerüstet werden – eine Vorstellung, die zum Beispiel afrikanischen Müttern fremd ist.

Die Individualisierungsthese Ulrich Becks auf die Wickelkommode gelegt? Kellers Eltern-Interviews legen das nahe. Sie zeigen, dass es den Eltern heute wichtiger ist als einst, dass ihre Babys so früh wie möglich lernen, sich selbst zu beruhigen, allein im eigenen Bett einzuschlafen, dass sie selbstständig spielen. Der zielgerichtete Einsatz von Spielzeug im Kinderzimmer zeigt in die gleiche Richtung. Wo früher eine Rassel reichte, befeuern heute Batterien von pädagogischem Spielgerät die Sinne des Säuglings. Heidi Keller zeigt eine Filmsequenz mit einem hölzernen Gestell, von dem ein Dutzend bunter Tiere, Greifringe und Glöckchen auf ein Kind herabbaumeln. Im Hintergrund hört man eine Spieluhr, deren süßes Dudeln nur durch die Stimme der Mutter überdeckt wird, die ihr Kind auffordert, von den Gerätschaften Gebrauch zu machen. Der Film stammt aus den USA, wo die Frühförderung zur Obsession geworden ist. Doch auch in deutschen Kleinkinderzimmern gehört der Babytrainer zum Inventar.

Früher sprach man vom "dummen ersten Vierteljahr", sagt Heidi Keller. Heute zerbrechen sich Eltern schon von Anfang an den Kopf, wie sie die Synapsen ihres Nachwuchses effektiv anregen können. Und die elterliche Strategie zeigt durchaus Erfolg. Kinder, die viel Blickkontakt erfahren, erkennen sich früher im Spiegel, sprechen eher von sich in der ersten Person. Und was hält die Wissenschaftlerin von diesem frühen Individualitätstraining? Eine – wenn auch leise – Kritik klingt an, wenn sie von "Monsterspielzeugen" spricht oder meint, es könne sein, dass Babys bei uns eine "hohe Anpassungsleistung abverlangt wird".