Die Tour hat begonnen, und ein großer Schatten fährt mit. Im Gebirge wird er den anderen vorauseilen, denn niemand hat sich je wieder so spektakulär durch die Alpen gekämpft seit ihm. Zuletzt hatte er im Jahr 2000 auf dem Mont Ventoux Lance Armstrong geschlagen, ihn drei Tage später abermals zurückgelassen, vier Kilometer vor dem Ziel Courchevel. Marco Pantani sei an ihnen vorbeigezogen wie mit einem eingebauten Motor, haben die Verfolger später gesagt, und Armstrong war stocksauer. Der Letzte, den Pantani damals überholte, war der Spanier José-Maria Jimenez, ebenfalls ein Kletterspezialist. Jimenez starb im Dezember 2003 in einer psychiatrischen Klinik in Madrid, nach Jahren mit Drogenproblemen und schweren Depressionen. Diesmal war er schneller als sein Freund Marco Pantani. Der folgte ihm zwei Monate später.

Der Sieg in Courchevel am 17. Juli war Pantanis letzter Streich in Frankreich. Am nächsten Tag attackierte er Armstrong schon 130 Kilometer vor dem Ziel, eine Wahnsinnstat. Er wollte es dem Amerikaner so richtig zeigen. Pantani hasste es, von oben herab behandelt zu werden, und Armstrong hatte am Vorabend behauptet, er habe Pantani den Etappensieg vom Mont Ventoux geschenkt, und dann sei der Italiener in Courchevel undankbar gewesen. Jetzt brauchten Armstrong und seine Wasserträger 82 Kilometer, um den Gegner einzuholen. Pantani hatte nichts gegessen. In seinem Bauch rumorte es. "Ich hatte entsetzliche Bauchschmerzen, ich fuhr wie eine Maschine. Am liebsten hätte ich mich irgendwo hinter einen Busch geworfen, um mich zu erleichtern. Aber überall waren Menschen am Straßenrand." Armstrong überholte ihn, doch die Etappe gewann er nicht. "Es war die härteste Strecke meiner Karriere", gestand der Amerikaner im Ziel. In der Nacht bekam Pantani hohes Fieber. Da gab er auf, verließ die Tour. Für immer. "Wir waren große Gegner, oft haben wir auch gestritten", hat Armstrong viel später gesagt. "Aber ich hatte einen Riesenrespekt vor ihm. Ich bin furchtbar geschockt von seinem Tod."

Die Viale Regina Margherita in Rimini ist keine schicke Straße. Sie läuft parallel zum Lungomare, in zweiter Reihe also, mehr als eine halbe Stunde Fußmarsch vom Grand Hotel entfernt. In der Nummer 39 befindet sich ein 85-Cent-Shop, vor der Nummer 43 verkaufen sie billigen Rotwein mit Adolf Hitler auf dem Etikett, "Führerwein" für deutsche Touristen. In der Nummer 46 ist Marco Pantani gestorben. Sie fanden ihn am 14. Februar halb nackt, mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich seines Zimmers liegend. Neben ihm zehn Schachteln mit Medizin. Die Beruhigungsmittel Control und Flunox, auch als Schlafmittel einsetzbar, sowie das Antidepressivum Surmontil zur Behandlung von chronischen Depressionen. Aber nicht an den Medikamenten war Pantani gestorben, sondern an einer Überdosis Kokain.

Marco Pantanis letzte Station heißt Residence Le Rose, und wer davorsteht und auf das schäbige, dunkelgraue Gebäude schaut, den muss ein Schauer durchlaufen. Hier sterben, in einem 50-Euro-Zimmer mit Balkon aus Sichtbeton, auf dem, von wegen Rosen, nur Putzeimer und Schrubber stehen. Hier sterben, ganz allein. Man muss sich das vorstellen, seinen letzten Weg. Im Taxi aus dem Haus der Eltern in Cesenatico abzuhauen, aus jener Villa, die er in der Farbe Gelb des Tour-Siegers anstreichen ließ. Knapp 20 Kilometer weiter auszusteigen. Ohne Gepäck. Vor dieser Unterkunft, an einem nasskalten Tag im Februar. Sicher hat niemand nach seinem Ausweis gefragt. Es kannte ja jeder den 34-Jährigen, das schnell gealterte, hagere Gesicht mit den dunklen, immer wachen, oft stechenden Augen. Die Glatze. Die abstehenden Ohren. Elefantino hatten ihn die Franzosen genannt, kleiner Elefant. Zu Hause war er Il Pirata, der Pirat.

Er verließ sein Zimmer nur, um die Dealer zu treffen, hat Staatsanwalt Paolo Gengarelli bei seinen Ermittlungen festgestellt. Gengarelli ist der vorerst letzte Staatsanwalt, der sich mit Pantani beschäftigt, für ihn ist es ein fast alltäglicher Fall. Ein Drogentoter eben. In Riminis Diskotheken zirkulieren Rauschmittel aller Art, als Dreingabe gibt es billig Frauen aus dem Osten. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft fünf Personen unter dem Verdacht festgenommen, Pantani mit Stoff versorgt zu haben. Eine Frau ist dabei, eine junge Russin, von der es heißt, sie sei seine letzte Geliebte gewesen.

In den ersten Tagen nach Pantanis Tod hatte es endlich Blumen gegeben vor dem Hotel Le Rose. Ein Meer von Gladiolen, Rosen, Chrysanthemen, niedergelegt von erschütterten Fans. Auf Grußkarten stand: "Magischer Pirat, du wirst immer in unseren Herzen bleiben."

Ein paar Monate später ist nichts mehr da, das an Marco Pantani erinnern könnte, einen der größten Radsportler unserer Zeit. Der Junge am Empfang zuckt zusammen, als er den Namen hört. "Pantani? Nie gesehen. Ich habe danach hier angefangen." Danach? "Sie wissen schon. Tut mir leid, ich kann wirklich nichts sagen." Es ist ihnen unangenehm. Sicher, zuweilen sterben wichtige Menschen in Hotels. Für Giuseppe Verdi hatten sie anno 1901 sogar Stroh auf die Straße vor dem Grand Hotel in Mailand streuen lassen, auf dass seine letzten Stunden nicht vom Lärm der Fuhrwerke gestört würden.

Die Nerven waren mit Marco Pantani durchgegangen in seinen einsamen, letzten Tagen. Er klagte ständig über zu viel Lärm, stöpselte das Telefon aus, warf die Putzfrau hinaus, weil er sich von ihr gestört fühlte. In seinem Zimmer verrückte er die Möbel, er habe randaliert, berichtete das Hotelpersonal der Polizei. In Mailand gibt es eine Verdi-Suite, in Rimini wird es kein Pantani-Zimmer geben.