Der rote Cursor zappelt in der Mitte des grauen Quadrats. Jetzt ist der linke Bildschirmrand blau geworden. Ich muss den Cursor dorthin steuern – aber ohne einen Finger zu rühren. Vielmehr soll er ausschließlich mit Gedankenkraft bewegt werden. Ich versuche mich nach links zu orientieren, stelle mir dazu eine Tastatur vor, auf der die Finger meiner linken Hand einige Buchstaben tippen.

Und tatsächlich: Nach einigem Hin und Her landet der Cursor im blauen Feld – allein dank meine Konzentration. Ein Brain-Computer-Interface (BCI) hat meine Gehirnströme gelesen und erkannt, dass ich mich auf die linke Seite konzentriert habe. Informatiker des Berliner Fraunhofer-Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik haben das BCI zusammen mit Neurologen der Charité programmiert. In ein paar Jahren – so hoffen sie – sollen Gelähmte damit künstliche Gliedmaßen steuern oder Autofahrer ohne Tritt aufs Pedal bremsen können. Doch das ist Zukunftsmusik. Was kann das BCI heute schon?

Seit drei Stunden sitze ich nun im Fraunhofer-Institut auf einer Art Friseurstuhl und konzentriere mich mal auf die linke, mal auf die rechte Bildschirmseite – aber bitte entspannt bleiben! 128 Elektroden kleben auf meiner Kopfhaut, einige weitere auf Gesicht und Beinen. Als ich zur Toilette muss, stolpere ich wie ein von der Intensivstation entlaufener Patient über den Flur. Aufsehen erregt das hier nicht. Vor mir haben schon 20 andere Probanden ihre Gedankenkraft erprobt. "Fünf waren supergut", sagt Klaus-Robert Müller, Chef der BCI-Forscher am Fraunhofer-Institut, "zehn konnten spielen und hatten Spaß dabei, fünf waren hoffnungslos." Ich gehöre zur mittleren Gruppe, unterer Rand. Das hatte sich schon bei der Datenauswertung am Ende einer einstündigen Vorbereitungsphase abgezeichnet, während der sich das System mit meinen Gehirnströmen vertraut machen sollte. Der typische Kurvenverlauf für die rechte und die linke Hand, nach dem das BCI sucht, ist bei mir vorhanden, aber nur schwach ausgeprägt.

Elf Treffer, siebenmal daneben. Die Bilanz meiner ersten Spielrunde ist ernüchternd. "Sie müssen sich entspannen", ermahnt Müller noch einmal. Nur wenn im Kopf Ruhe herrscht, kann das BCI die sanften Abweichungen finden, die Gehirnkurven bei der Links-rechts-Konzentration aufweisen. "Das ist wie auf einer Cocktailparty", sagt Müller, "die Musik ist laut, alle reden durcheinander. Wer trotzdem ein Gespräch führen will, muss alle Nebengeräusche ausblenden." Ähnliches leistet das BCI, die Forscher sprechen vom "Entrauschen der Gehirnströme".

Die zweite Spielrunde gelingt besser. Nur noch viermal daneben. Mein Gehirn und der Computer beginnen sich zu verstehen. Allerdings nur sehr langsam. Ganze 1,7 Ja-Nein-Informationen (Bit) pro Minute habe ich mit Gedankenkraft übertragen. Selbst die allerbesten Spieler kommen nicht über 50 Bit pro Minute hinaus. Beim Tippen auf einer Tastatur schafft man leicht das Sechzigfache. Weltweit kämpfen alle Forscher, die an Brain-Computer-Interfaces arbeiten, mit diesem Problem. Selbst mit dem Lidschlag lassen sich deutlich höhere Übertragungsraten erreichen als mit Gedankensteuerung. Medizinisch ist die Sache deshalb bisher nur für vollständig Gelähmte interessant, so genannte Locked-in-Patienten. Wer nur noch einen Muskel bewegen kann, bekommt damit besseren Kontakt zur Welt.

Schon in den siebziger Jahren hatte das amerikanische Militär mit Experimenten begonnen, die Kampfpiloten ermöglichen sollten, Flugzeuge per Gedankenkraft zu steuern. Das blieb lange fruchtlos, weil die Computer im Vergleich zu den Gehirnströmen viel zu langsam waren. Heute sind sie schnell genug. Die Signale der 128 Elektroden können von einem normalen Bürorechner tausendmal in der Sekunde erfasst und sofort analysiert werden.

Die Universität Graz hat einem jungen Mann ein mobiles BCI konstruiert, mit dem er seine gelähmte Hand wieder öffnen und schließen kann. Der Mediziner Miguel Nicolelis von der Duke University, North Carolina, brachte Rhesusaffen dazu, einen Roboterarm mit Gehirnströmen zu steuern. Er hatte den Tieren die elektrischen Kontakte direkt ins Gehirn gepflanzt. Ähnliche Experimente werden inzwischen auch mit Menschen gemacht. An der Washington University in St. Louis wurden vier Epilepsiepatienten zu Diagnosezwecken Elektroden ins Hirn implantiert; sie konnten damit auch ein Computerspiel steuern. Und im Frühjahr hat die US-Gesundheitsbehörde den Weg für das erste kommerzielle BCI-Projekt freigemacht. Sie erlaubte der Firma Cyberkinetics, gelähmten Patienten winzige Chips einzusetzen, die sich mit einem kleinen Dorn im Hirn verankern.