Bildung spaltet. Das müssen in diesen Tagen erneut rund 250000 Schüler erleben. So hoch jedenfalls war in den vergangenen Jahren stets die Zahl der Sitzenbleiber in Deutschland. Während die Mehrheit der Schüler unbeschwert in die Sommerferien gehen kann, beenden sie das Schuljahr mit einem Zeugnis des Versagens: Sie sind nicht würdig, in die nächsthöhere Klasse aufgenommen zu werden.

Dabei ist die Klassenwiederholung pädagogisch fragwürdig. Dem schwachen Schüler wird nicht geholfen, indem man ihn aus der Klassengemeinschaft reißt und ihm das Stigma des Scheiterns anheftet. Trost spenden kann dem Zurückgestellten allein der Umstand, dass diese Praxis lange Tradition hat – mit prominenten Sitzenbleibern von Thomas Mann bis Edmund Stoiber – und er meist nicht der Einzige in der Klasse ist, der ein Jahr länger zur Schule gehen muss.

Denn kaum ein anderes Schulsystem produziert so viele Wiederholer wie das deutsche. Jeder vierte Schüler bleibt bis zur zehnten Klasse einmal hängen. Weitere zehn Prozent werden vor ihrer Einschulung um ein Jahr zurückgestellt, bleiben also sitzen, bevor die Schule überhaupt begonnen hat. Dass es beim Sitzenbleiben formal mit rechten Dingen zugeht, dafür sorgen umfangreiche Versetzungsordnungen. Allein das Regelwerk für die baden-württembergischen Gymnasien umfasst fünf Seiten.

Der Aufwand wäre gerechtfertigt, wenn das Sitzenbleiben die fachlichen Leistungen der Schüler verbesserte, ihre Motivation stärkte. Das Gegenteil ist meist der Fall. Untersuchungen verweisen darauf, dass die Klassenwiederholung außer einer künstlichen Verlängerung der Ausbildungszeit wenig bringt. In den Fächern, an denen er gescheitert war, verbessert sich der Schüler nur kurzfristig. In den anderen Disziplinen schaltet er gelangweilt ab. Warum soll er auch Physik wiederholen, wenn er in Englisch schlecht ist? Eine europäische Studie kommt deshalb zum Schluss, "dass die negativen Folgen des Sitzenbleibens gegenüber den zu erwartenden Vorteilen bei weitem überwiegen".

Aber, wenden die vielen Befürworter des Sitzenbleibens ein, die Schule soll aufs Leben vorbereiten. Und da gehe es um Erfolg und Misserfolg, zählten Leistung und Wettbewerb. Als ob Japan und England, Schweden und Finnland keine Leistungsgesellschaften wären! Diese Länder haben das Sitzenbleiben weitgehend abgeschafft und damit den Lehrern die Möglichkeit genommen, Problemschüler nach unten weiterzureichen. Bei allen internationalen Schulvergleichen schneiden sie weit besser ab als die Deutschen.

Hinter der deutschen Leidenschaft für das Aussortieren in der Schule steckt ein besonderes Verständnis von Lernen und Unterrichten – bei Pädagogen, Eltern, ja bei den Schülern selbst. Nicht aus Neugier lernt man, sondern allein für die Klassenarbeit, die Note im Zeugnis. Warum sollte der Schüler sich anstrengen, so die Logik, wenn kein Sitzenbleiben mehr droht? Nimmt man zur Wiederholerquote noch die Zehntausende von Schulabsteigern hinzu, die nach den Ferien in eine niedrigere Schulform wechseln müssen – der umgekehrte Weg kommt kaum vor –, vervollständigt sich das Bild einer Schule, die auf das Scheitern setzt.