In den vier Jahrzehnten ihrer getrennten Existenz erinnerte die Architektur von Bundesrepublik und Deutscher Demokratischer Republik nicht selten an den Kampf zweier Ringer. Dem Hebelgriff von der einen folgte der Schleudergriff von der anderen Seite. Mit dem Wiederaufbau im Westen, von Geldern aus dem Marshallplan gefördert, konkurrierte das Nationale Aufbauprogramm im Osten. Den Wettbewerb Hauptstadt Berlin, den Bundesregierung und Senat 1957 ausschrieben, für Ost-Berlin ungebeten gleich mit, beantwortete das Politbüro der SED im Osten mit einem Ideenwettbewerb, der den Kapitalisten zeigen sollte, wie der Sozialismus Städte umgestaltet.

Dann wieder entwickelten die Kontrahenten jeweils für sich ihre Strategien. Die sahen sich oft sehr ähnlich. Verkehrsfetischisten wüteten in Hannover wie in Dresden. Wohnraummangel sollte durch Industrialisierung des Bauens gelöst werden. In der DDR lief es auf eine einzige Serie hinaus, die Wohnungsbauserie 70. Die Bundesrepublik legte sich nicht auf ein System fest, verfügte im Übrigen über den wirkungsvolleren Maschinenpark. Neidisch ließ ihn sich das Politbüro im Film vorführen: Punkt für die BRD. Die weitgehenden Enteignungsrechte im Osten wiederum erregten die eifersüchtige Bewunderung westlicher Planer: Punkt für die DDR.

Dramatischer Stoff also für die in Hamburg eröffnete Wanderausstellung Zwei deutsche Architekturen 1949–1989. Auch in Sachen Altbaubestand behielt jeder den anderen im Auge. Die Einsicht, dass man die abgewirtschafteten, aber intakten Wohnquartiere nicht leichten Herzens verfallen lassen oder abreißen konnte, verbreitete sich über die Grenzen. Allein schon der wirtschaftliche Sachverstand sprach gegen die weitere Zerstörung vorhandener Substanz. Hüben wie drüben wurden Bekenntnisse zur alten Stadt abgeliefert. Schonende Sanierungen kamen zögernd in Gang. Im Westen wurden sie durch die Hausbesetzer-Szene befördert. In der DDR waren sie gegen die Allmacht der Plattenbauindustrie, die ausgelastet werden musste, nur selten durchzusetzen. Mattenflucht heißt das im Ringkampfsport.

In Berlin, wo die politischen Systeme im engsten Clinch lagen, konzentrierten sich die Auseinandersetzungen. Die Westberliner Interbau- Ausstellung von 1957 war eine Antwort auf die Popularität der Ostberliner Stalinallee. Sie sollte zeigen, dass "ein Leben in Freiheit sich auch wirtschaftlich lohnt", wie der Regierende Bürgermeister verhieß. Während Hans Scharouns Philharmonie auf dem Ödland am Tiergarten emporwuchs, beobachteten Ostfachleute die Baufortschritte mit dem Fernglas über die Mauer hinweg. Als die Stadt 1987 ihr 750-jähriges Jubiläum feierte, wurden die Veranstaltungen im Westen mit einer Kantate auf die "Pi-Pa-Postmoderne" eröffnet. Hauptbeitrag im Osten war gleichfalls ein postmodernes Husarenstück, die Neuerfindung von Alt-Berlin in Gestalt des Nikolaiviertels. Mit der Translokation einiger Baurelikte und den Platten der Wohnungsbauserie 70 gelang das eher schlecht als recht. Hartmut Frank und Simone Hain, die Kuratoren der Ausstellung, sind nicht auf Konfrontation aus, sondern auf Gleichbehandlung. Die Empfindlichkeiten sind noch groß, Zurückhaltung war angesagt.

Überall dieselben Kaufhausfassaden, hier aus Kunststoff, dort aus Metall

Cooler als auf dieser Ausstellung geht es eigentlich nicht. Auf Stellwänden sind nicht weniger als 217Bauten oder Projekte, nach 22 Bauaufgaben geordnet, durch Fotoreproduktionen präsentiert, Ost neben West, West neben Ost. Wer mehr wissen will, kann Schubladen in clever entworfenen Planschränken aufziehen und sich anhand weiteren Bildmaterials informieren. Gäbe es nicht die von Hamburger Studenten gebauten Architekturmodelle, wäre man ausschließlich auf reproduzierte Flachware angewiesen. Zeitgenössische Ereignisbilder jenseits der Fachdisziplin, die als Großfotos denkbar gewesen wären, muss der Betrachter sich aus den Schubladen des eigenen Gedächtnisses ergänzen: steineklopfende Trümmerfrauen, freudestrahlende Erstmieter, demonstrierende Bauarbeiter, nach Moskau oder New York eingeladene Architekten, Kreuzberger Krawalle, Bau und Fall der Mauer. Sogar dem Reiz originalen Materials, von Plakaten, Flugblättern, Streitschriften oder Architekturskizzen, versagen sich die Ausstellungsmacher. Ihre Grafiker haben das Material übersichtlich aufbereitet. Aber es bleibt eine Archivausstellung.

Zum Teil ist diese Zurückhaltung den Finanzen geschuldet, zum Teil den Zwecken des Veranstalters, des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen. Das Institut wird die Ausstellung auf eine Reise durch die Welt schicken, die Unikaten nicht zuzumuten wäre. Doch ein bisschen liegt es wohl auch an der erklärten Absicht Hartmut Franks, die Autonomie der Baukunst herauszustellen. Ideologien sollten beiseite gelassen, die Architektur als solche dargestellt werden. Als Versuchsanordnung hat diese dokumentarische Nüchternheit ihren hohen Stellenwert. Doch Architektur ist eine schmutzige Kunst, nicht nur, weil sie mit Zement, Wasser, Erde, Mörtel und Baustellendreck zu schaffen hat. Sie ist es, weil sie mehr als jede andere mit der Hardware der Realitäten und der Software der Ideologien zu tun hat. Architektur gibt es nie allein als solche.