Wer hier das Opfer ist, bleibt unklar. Wir oder Jackie? Unser gutenmorgendliches Vermischtes und die Götter im Boulevardhimmel, die uns wieder mit Leben versorgen? Jackie sagt: "Ihren Gegenstand interessiert anschauen, als sähen sie sich selbst im Spiegel, ja, das machen die Menschen immer. Sie sehen uns, aber sie sehen in Wirklichkeit sich selbst, in uns. Eine derartige Kostbarkeit wie ich kommt aber nur richtig zur Geltung, indem sie abwesend ist."

Sie sind alle abwesend, die Märchenprinzessinnen, die Elfriede Jelinek in ihren Dramoletten unter dem Titel Der Tod und das Mädchen auftreten lässt, ob es sich um Schneewittchen, Dornröschen, Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann oder in diesem Fall Jacqueline Bouvier dreht, die als Jackie Kennedy von den Toten aufersteht und in einem gewaltigen Monolog sich selbst einspinnt. "Weil sie eben nicht totzukriegen ist und daher einfach immer weiterredet", wie Elfriede Jelinek in verwandtem Zusammenhang schrieb, wobei nicht eindeutig zu klären ist, was Ursache oder Wirkung ist.

"Die Texte sind für das Theater gedacht, aber nicht für eine Theateraufführung. Die Personen führen sich selbst schon zur Genüge auf." Und so plaudert die lebendigtote Jacqueline nun als Hörspiel, mit der Stimme der wunderbaren Marion Breckwoldt, die scharfzügig giftet und klug seziert, die ebenso überzeugend aus dem Totenreich hallt, wie sie putzmunter gegenüber am Frühstückstisch zu plappern scheint. Das Schöne und das Schreckliche dabei ist: Das Philosophische und das Banale, die Pretiosen und der Klunker lassen sich kaum mehr unterscheiden, und Elfriede Jelinek ist damit aus dem Schneider. Da darf Jackie feststellen: "Ich wurde betont, d. h. ich wurde tonangebend", um dann übers Kabarettnahe – "Dem Schicksal fällt auch nichts mehr Neues ein" – zur sprachlichen Platitüde zu gelangen – "Er springt in jede Frau, aber springt in keine Auseinandersetzung mit mir" –, bis zur unfreiwilligen Komik: "Er sagt, er habe bereits vor ihrem Tode mit ihr Schluss gemacht."

Der Musikjournalist und Hörspielregisseur Karl Bruckmaier geht mit diesen sprachlichen Kurzschlüssen recht geschickt um, indem er sie zu einem Feuerwerk bündelt – 50 ununterbrochene Minuten lang (dass die CD keine Punkte zum Aus- und Wiedereinstieg besitzt, muss gute Absicht sein). Also setzt sich das Bild jener Jaqueline Bouvier (1929 bis 1994) sprunghaft zusammen, müsste der Hörer eigentlich vor Augen haben, wovon Jackie spricht, wenn sie Teddy, Bobby, Marilyn und ihre Kinder beim Namen nennt, all den Ballast ausbreitet, der sie mit der Geschichte verbindet, von der Heirat mit John F. Kennedy bis zu dessen Ermordung in Dallas – "irgendwie logisch, dass ein Schuss das beendet hat. Nein, mit dem Schuss hat es ja erst begonnen."

Gut, dass das Booklet die Kleider – das rosa Kostüm, den gelben Mini – als Comic-Ausschneidebogen enthält, dazu die gesprayten schwarzen Frisuren der First Lady: "Ich entstehe durch Betonung und Betonierung." Eine große Sammlung von klugen Sentenzen zur Mode, zur Identität via Kleidung verführt da zum Mitschreiben, und doch fühlt man sich manchmal erschlagen und wünscht sich ein bisschen bedeutungsfreies Erzählfutter zum Ausschnaufen, bevor man wieder im Malstrom des mollybloomschen Monologs eintaucht.

Inmitten dieses manischen Sprachjonglierens erscheint immer wieder Marilyn Monroe, jener Widerpart, den man ins Kleid einnähen musste, während Jackie beinahe fleischlos dem Kleid als Ständer diente. Doch gerade im Gegenlicht zur größten Konkurrentin entsteht jene Melange aus Philosophie und Tratsch, die endlich berührt und mehr auslöst als nur das Wissen, wie sehr sich Öffentlichkeit und Mediengespenster gegenseitig bedienen. "Man muss still sein, aber in der Stille am lautesten, damit man anderen Empfindungen einflößt wie einem Kranken seine Medizin. Die Menschen brauchen diese Empfindungen, weil sie sie nicht haben, aber trotzdem kennen…" Dafür hat die österreichische Analytikerin zu Recht den 53. Hörspielpreis der Kriegsblinden 2004 erhalten.