"Der 20. Juli 1944 ist gescheitert. Aber an der Vergeblichkeit seiner Anstrengung und seiner unerfüllten Hoffnungen ist der deutsche Widerstand gegen Hitler nicht zu messen", bilanzierte Joachim Fest zum 50. Jahrestag des Attentats auf Hitler 1994. Sein damals erschienenes Buch Staatsstreich ist jetzt in einer Sonderausgabe neu herausgekommen (Der lange Weg zum 20. Juli; Siedler Verlag, München 2004; 416 S., 19,80 Euro) – immer noch die lesenswerteste Gesamtdarstellung.

Darüber, wie sich das Bild vom deutschen Widerstand seit 1945 in einzelnen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten gewandelt hat, informiert zuverlässig der von Gerd R. Ueberschär herausgegebene Band Der deutsche Widerstand (Wahrnehmung und Wertung in Europa und den USA; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002; 301 S., 49,90 Euro). Deutlich wird, wie lange es auch im Ausland gedauert hat, bis sich eine unvoreingenommene Sicht auf die Männer (und Frauen) des 20. Juli durchsetzen konnte. An führende Mitglieder des Widerstands, von Helmuth James Graf von Moltke, den Kopf des Kreisauer Kreises, über den Pädagogen und Sozialdemokraten Adolf Reichwein bis hin zu den Studenten der "Weißen Rose" in München erinnert Peter Steinbach , der Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, in einer Sammlung biografischer Essays: Der 20. Juli 1944 (Gesichter des Widerstands; Siedler Verlag, München 2004; 352 S., 24,– Euro). Der Autor geht den Motiven und Zielen der Hitler-Gegner nach und spart auch das Problem der Verstrickung einzelner Verschwörer in Politik und Praxis des NS-Regimes nicht aus. Über den Mann, der die Bombe in der "Wolfsschanze" legte, gibt es neue Biografien, die allerdings die ältere von Peter Hoffmann aus dem Jahre 1992 keineswegs ersetzen können. Während Gerd R. Ueberschär in seinem Begleitband zum Fernsehfilm Stauffenberg (Der 20. Juli 1944; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2004; 271 S., 19,90 Euro) die Ereignisse des 20. Juli ins Zentrum rückt, berücksichtigt Hans Bentzien in Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Der Täter und seine Zeit; Das Neue Berlin, Berlin 2004; 368 S., 17,50 Euro) stärker das Umfeld Stauffenbergs. Dem Wirken des "Außenministers" unter den Verschwörern, des Diplomaten Adam von Trott zu Solz, vor allem seinen Kontakten zu britischen und amerikanischen Regierungskreisen geht Henric L. Wuermeling in einer einfühlsamen Biografie nach: "Doppelspiel" (Adam von Trott zu Solz im Widerstand gegen Hitler; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004; 237S., 19,90 Euro).

Lesenswert ist auch die von Jochen Thies verfasste Familienbiografie Die Dohnanyis (Propyläen Verlag, Berlin 2004; 416 S., 24,– Euro). Im Mittelpunkt steht Hans von Dohnanyi, der Anfang April 1945, kurz vor Kriegsende, im Konzentrationslager Sachsenhausen hingerichtet wurde. Anders als manche Mitverschwörer war der gelernte Jurist im Amt Ausland/Abwehr unter Wilhelm Canaris von Anfang an ein grundsätzlicher Gegner des Nationalsozialismus, und Thies macht die familiären Prägungen deutlich, aus denen die unbeirrbare Kraft zum Widerstand erwuchs.

Vertreter der Enkelgeneration melden sich zuWort in Felicitas von Aretins Buch Die Enkel des 20. Juli (Faber & Faber, Leipzig 2004; 448 S., 24,– Euro). Die häufig unterschätzte "südwestdeutsche Seite" des 20. Juli 1944 dokumentieren Klaus Eisele und Rolf-Ulrich Kunze: Mitverschwörer – Mitgestalter (Der 20. Juli im deutschen Südwesten; UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2004; 270 S., 14,90 Euro). Besonderes Interesse verdient der Beitrag über den "Freiburger Kreis", der sich um die Nationalökonomen Walter Eucken, Constantin von Dietze und Adolf Lampe bildete. Dass unter dem Einfluss dieses Kreises wirtschaftspolitische Vorstellungen entwickelt wurden, welche in vieler Hinsicht das Konzept der sozialen Marktwirtschaft vorwegnahmen, belegt Daniela Rüther: Der Widerstand des 20. Juli auf dem Weg in die Soziale Marktwirtschaft (Schöningh Verlag, Paderborn 2002; 491 S., 68,– Euro).

Bislang unveröffentlichte Tagebuchnotizen Emmi Bonhoeffers vom Frühjahr 1945 sowie ein Porträt ihres Mannes, des von den Nazis ermordeten Psychiaters Klaus Bonhoeffer, präsentiert der Band: Emmi Bonhoeffer. Essay, Gespräch, Erinnerung (hrsg. von Sigrid Grabner und Hendrik Röder; Lukas Verlag, Berlin 2004; 147 S., 19,80 Euro). Unter dem Datum des 30. Mai heißt es: "Gewissheit, dass Klaus tot ist." Volker Ullrich

Alle Bibliografien im Überblick:

Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli; Siedler Verlag, München 2004; 416 S., 19,80 Euro

Gerd R. Ueberschär: Der deutsche Widerstand. Wahrnehmung und Wertung in Europa und den USA; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002; 301 S., 49,90 Euro

Gerd R. Ueberschär: Stauffenberg. Der 20. Juli 1944; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2004; 271 S., 19,90 Euro