Genauso schleichend konnte sich die Öffentlichkeit an die Bilder toter Soldaten gewöhnen. Das erste Opfer war 1993 ein Sanitäter in Kambodscha – aber er wurde offenbar von gewöhnlichen Kriminellen erschossen. In Ex-Jugoslawien kam es all die Jahre lediglich zu Verkehrs- oder Minenunfällen, die so oder ähnlich auch in Deutschland hätten passieren können. Im Oktober 2001 gab es den ersten wirklich Gefallenen, einen Oberstabsarzt, dessen Hubschrauber in Georgien abgeschossen wurde – doch er war Teil einer praktisch unbekannten UN-Militärbeobachtermission. In Afghanistan starben Deutsche zuerst beim Entschärfen von Munition. Vor gut einem Jahr, am 7. Juni 2003, folgte in Kabul der schwere Anschlag auf einen Bundeswehrbus, mit vier Toten. Aber von den insgesamt 56 im Ausland gestorbenen Soldaten ist bis heute kein Einziger im offenen Kampf gegen feindliche Truppen gefallen. Im Verteidigungsministerium ist man heilfroh, dass sowohl die Intervention im Kosovo als auch der Einsatz von Spezialkräften bei der Terroristenjagd in Afghanistan ohne Verluste blieben.

Der Tod war ein Tabu, damals in den achtziger Jahren, erinnert sich Walter Sauer. Als die Mauer fiel, war er seit 22 Jahren Soldat, befehligte bereits ein Panzerbataillon, aber mit dem Tod hatte er sich bis dahin "nur am Rande" beschäftigt. "Es stand in keinem Ausbildungsplan, und deshalb wurde auch nicht darüber geredet", sagt Sauer. Wenn damals jemand über Angst sprach, "dann galt das als Zersetzung". Heute ist Sauer Oberst, arbeitet am Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz und verfasst Schulungsmaterial zum Thema Verwundung und Tod. "Angst gehört unvermeidlich zum Leben", steht da etwa. Sie soll in der Bundeswehr von heute nicht mehr verdrängt werden. "Es kommt darauf an, sich bewusst dem Thema zu stellen. Sonst läuft der Soldat Gefahr, gerade in der realen Situation von Gefühlen und Gedanken überwältigt zu werden und seine Handlungsfähigkeit zu verlieren."

Ein bis anderthalb Prozent der Bundeswehrsoldaten kommt mit psychischen Schäden aus dem Auslandseinsatz, was im internationalen Vergleich ein guter Wert ist, aber in absoluten Zahlen jedes Jahr 100 bis 200 Betroffene bedeutet. Seit Mitte der neunziger Jahre arbeiten die Truppenpsychologen auch präventiv. Inzwischen ist allen Divisionen ein eigener Psychologe zugeteilt, bald soll jede Brigade solche Spezialisten bekommen. Vor einem Auslandseinsatz werden alle Kommandeure – vom Oberfeldwebel bis zum Oberst – am Zentrum Innere Führung geschult.

Das erste Arbeitspapier an Sauers Akademie zu Verwundung und Tod entstand 1996. Mehrmals wurde es überarbeitet, die Erfahrungen von Polizei und Feuerwehr, von israelischer und amerikanischer Armee sind eingeflossen. Das Material erläutert Werte und Tugenden, regt an zum gruppendynamischen Diskurs mit "Brainstorming" und "flexiblen Zettelwänden". Im Anhang findet sich eine Anleitung zur "progressiven Muskelentspannung nach Jacobson". Gelegentlich bricht doch noch der Bundeswehrton durch: "Gefühle und Emotionen gehören zu diesem Thema und sind zuzulassen!"

Ein eigenes Kapitel ist dem Überbringen der Todesnachricht gewidmet, der wohl bittersten Pflicht eines Kommandeurs. "Rechnen Sie mit mindestens einer Stunde Aufenthalt bei der betroffenen Familie, und stellen Sie sich auf nicht im Voraus zu berechnende Reaktionen ein", lautet einer der Ratschläge. "Überbringen Sie die Nachricht erst in der Wohnung, nicht an der Tür." Und: "Manche lächeln unbewusst aus Unsicherheit beim Überbringen einer tragischen Nachricht. Das unterläuft Ihnen nicht, wenn Sie sich dessen bewusst sind."