Vor dem Hafen in Paranaguá im Süden Brasiliens stauen sich auf einer Strecke von fast hundert Kilometern mit Soja beladene Lastwagen. Draußen im Meer liegen Dutzende von Ozeanfrachtern und warten auf Ladung. Die Hafenarbeiter tun in diesen Tagen, was sie können – aber das reicht nicht. Die Sojaproduktion hat sich in fünf Jahren auf 52 Millionen Tonnen nahezu verdoppelt, doch beim Getreide- und Düngemittelhersteller Bunge ist die Goldgräberstimmung längst verflogen. "Drei Prozent der Ladung gehen auf dem Landweg verloren, durch Unfälle auf den maroden Straßen, Überfälle und Verderb. Und jeder Tag, den ein Schiff auf Beladung warten muss, kostet 50000 Dollar", rechnet Adalgiso Telles vor, Vorstandssprecher von Brasiliens größtem Agrarexporteur.

Eine von Bunge in Auftrag gegebene Studie schätzt, dass den Getreidehändlern der Schwund auf den Straßen und die Schlangen an den Häfen pro Jahr 2,4 Milliarden Dollar oder zehn Prozent des Exports kosten. Und es könnte noch schlimmer kommen, im nächsten Jahr, wenn die Ausfuhren an Getreide laut Prognosen einen neuen Mengenrekord erreichen werden. "Bisher war es die Nachfrage, nach der wir unsere Produktionsmenge ausgerichtet haben. Im nächsten Jahr werden es die Abfertigungskapazitäten in den Häfen sein", beschreibt Telles den bedrohlichen Engpass.

Die Agrarindustrie zieht die Wirtschaft aus dem Tief

Rund vier Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt von Brasilien in diesem Jahr zulegen. Es sind die Exporte, vor allem die der Agrarindustrie, die die Wirtschaft aus dem Tief ziehen. Allen Widrigkeiten zum Trotz glaubt Ben van Schaik, Präsident der deutsch-brasilianischen Handelskammer in São Paulo und Präsident von DaimlerChrysler do Brasil, es sei eine neue Ära des Wachstums angebrochen. "Vier Prozent Wachstum jährlich, während der nächsten fünf Jahre" erwartet er. Solcher Optimismus hat schon viele Beobachter des an natürlichen Ressourcen so reichen Landes erfasst, seit vor rund fünf Jahrhunderten die Schiffe des portugiesischen Seefahrers Pedro Álvares Cabral gelandet waren. Heute ist Brasilien ein riesiger Binnenmarkt mit 179 Millionen Einwohnern, eine gefestigte Demokratie zumal, die auch unter dem linken Präsidenten Luiz Inácio "Lula" da Silva eine stabilitätsorientierte Haushaltspolitik betreibt. So glaubt denn auch Lula selbst, es stehe nun kurz bevor, das Wirtschaftswunder. Den Status als Schwellenland endlich hinter sich zu lassen, davon träumen viele hier.

Doch es wird auch dieses Mal wieder ein Traum bleiben.

Der drohende Kollaps der Infrastruktur ist nur eine von vielen Hürden für hohes und dauerhaftes Wachstum, neben dem Duo infernale – Bürokratie und Korruption – und der mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit vieler Branchen. Als größte Hürde gilt indes die Staatsverschuldung: Sie kann das Land jederzeit an den Rand des Bankrotts treiben – oder darüber hinaus.

Mit rund 924 Milliarden Real (rund 295 Milliarden Dollar), das entspricht etwa 57 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, steht Brasilien in der Kreide. Vor allem die Zusammensetzung des Schuldenbergs erregt Besorgnis. Ein Großteil ist an die Entwicklung von Dollar und heimischen Zinsen gekoppelt, und deren Anstieg lässt den Schuldendienst schnell auf bedrohliche Ausmaße anwachsen. Problematisch sind auch die kurzen Laufzeiten vieler Staatsanleihen, von denen in den nächsten zwölf Monaten rund 40 Prozent fällig werden. Zwar kaufen die Investoren in ruhigen Zeiten sofort neue Staatsanleihen, doch wenn sie an der Zuverlässigkeit des Schuldners Brasilien zu zweifeln beginnen, wird es ernst – so wie in den Monaten vor den letzten Präsidentschaftswahlen Ende 2002.

Damals war es zu einer unschönen, sich selbst verstärkenden Kettenreaktion gekommen: Viele Banken und Anleger zogen aus Angst vor einem möglicherweise sozialistischen Präsidenten Lula ihr Geld aus Brasilien ab. Die Regierung musste fällig werdende Schuldtitel auszahlen oder sehr viel höhere Zinsen bieten, der Real ging auf Talfahrt, und Brasilien geriet an den Rand einer Krise. Diese Gefahr ist langfristig nicht gebannt. Ein unglückliches Zusammentreffen von steigenden US-Zinsen – an denen sich die brasilianischen Staatsanleihen orientieren –, fallenden Rohstoffpreisen und irgendwelchen Anzeichen, dass Brasilien seine sparsame Ausgabenpolitik aufgeben würde, und 2002 könnte sich wiederholen.

Selbst wenn es nicht so weit kommt: Bereits im Alltag ist die Verschuldung eine Bürde. Der hohe Geldbedarf des Staates lässt für die Privatwirtschaft kaum noch einen Real übrig. Brasilianer investieren ihre Ersparnisse lieber in die zwar riskanten, aber hoch verzinsten Staatsanleihen, als sie aufs Sparbuch zu tragen. Das wiederum begrenzt den Spielraum der Banken, weil die Einlagen die Grundlage für das Kreditgeschäft sind. Marcelo Trindade, Präsident der Börsenaufsichtskommission, stöhnt: "Gegen die Übermacht der attraktiven Staatsanleihen ist nur schwer anzukommen." Kredite sind also rar und mit jährlichen Zinsen von bis zu 50 Prozent für die meisten Unternehmen unerschwinglich. Investiert werden kann oft nur, was am Ende des Jahres als Gewinn übrig geblieben ist.

Was Beobachter hoffen lässt, ist die Tatsache, dass Brasilien heute prinzipiell besser als je zuvor darauf vorbereitet ist, sich aus der Riege der Schwellenländer herauszulösen. Das Land erfüllt mittlerweile einige Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum. Nach dem Übergang zur Demokratie in den achtziger Jahren und den wirtschaftlichen Reformen in den neunziger Jahren kann es heute auf ein Wirtschaftssystem mit freien Wechselkursen, den Sieg über die Inflation und eine stabilitätsorientierte Geld- und Fiskalpolitik verweisen. Auch hat das Land einige industrielle Kerne: Fast alle internationalen Automobilhersteller lassen in Brasilien für den südamerikanischen Markt fertigen, der Erdölkonzern Petrobras und der Bergbauriese Companhia Vale do Rio Doce gehören zu den weltweit Größten ihrer Branche. Und nicht zuletzt ist der Flugzeugbauer Embraer ein geachteter Wettbewerber von Airbus und Boeing.

Die allgemeine Investitionsneigung, oder besser: -abneigung, hängt in Brasilien aber eben längst nicht nur von industriellen Kernen und der Frage ab, wie hoch der Zins liegt. Sergio Abranches, Direktor der auf politische Risikoberatung spezialisierten Firma Sócio Dinâmica Aplicada, stellt denn auch klar: "Viele Investoren warten ab, weil Reformen auf der Mikroebene ausbleiben."

Der Sojakonzern Bunge etwa hatte sich schon dazu durchgerungen, sein Infrastrukturproblem selbst zu lösen. Bunge wollte in den nächsten vier Jahren 350 Millionen Dollar – das entspricht einem Viertel der gesamten Investitionen des Unternehmens in diesem Zeitraum – vor allem in Hafenanlagen investieren. "Doch damit kommen wieder neue Probleme", sagt Vorstandssprecher Telles und verweist auf bisherige Erfahrungen. Der Konzern bewilligte vor zwei Jahren schon einmal zehn Millionen Dollar für den Ausbau des Hafens von Santos und vor vier Jahren 30 Millionen Dollar für den Hafen von São Francisco do Sul. "Das Geld liegt bereit", so Telles, aber "die Anträge stecken in den staatlichen Stellen zwischen Kompetenzwirrwarr und Bürokratie fest".

Diese Ineffizienz erschwert es den Firmen des Landes auch, innovative und konkurrenzfähige Produkte und Dienstleistungen jenseits von Soja, Erdöl, Erzen und Flugzeugen zu entwickeln. Brasiliens Artenvielfalt im Amazonasgebiet beispielsweise wäre ein Eldorado für die Biotechnologie und könnte aller Wahrscheinlichkeit nach zukunftsträchtige Exportschlager hervorbringen. Zwei Jahre aber brauchte Antonio Paes de Carvalho, Direktor der Biotechnologie-Firma Extracta, um eine Lizenz zu bekommen: "Die Branche könnte schon viel weiter sein, wenn der Staat zumindest einen verlässlichen regulatorischen Rahmen aufstellen würde."

Manager zahlen Schmiergelder und nennen es "custo Brasil"

Von der Weltbank wurde die Investitionsbremse "Staat" jüngst wieder in Zahlen gefasst: Elf Schritte sind in Brasilien notwendig, um ein Unternehmen zu eröffnen. 155 Tage dauert diese Prozedur, und in nur sechs der 133 untersuchten Länder verstreicht noch mehr Zeit. Ohne Rechtsanwälte und so genannte despachantes – meist zwielichtige Gestalten, die mit ebenso zwielichtigen Methoden in den Behörden im Unternehmensinteresse tätig werden – geht in Brasiliens Ämtern nichts voran. Und natürlich darf das Schmiermittel nicht fehlen. Claudio Weber Abramo, Direktor von Transperência Brasil, einer Organisation, die sich dem Kampf gegen Korruption verschrieben hat, kommt in einer Befragung unter Geschäftsleuten zu dem Ergebnis: Ein Viertel von ihnen reserviert fünf bis zehn Prozent des Umsatzes für Bestechungsgelder. Vier Fünftel aller Befragten halten Korruption für eine sehr große Barriere für die Entwicklung ihrer Firma.

Viele Unternehmen haben diese Probleme bereits in den informellen Sektor getrieben. Laut Schätzungen der Weltbank werden rund 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Unternehmen erwirtschaftet, denen die Nachteile des Untergrunds lieber sind als die Vorteile der Legalität – wie etwa der reguläre Zugang zu Banken oder Justiz.

So addieren sich Korruption und Bürokratie – von der Kriminalität ganz zu schweigen – zu dem, worüber fast jeder Unternehmer in Brasilien stöhnt: custo Brasil – Brasiliens Zusatzkosten. Im weltweiten Wettbewerb ist das nicht gerade ein Vorteil. Die Wirtschaftskaderschmiede IMD in Lausanne hat Brasilien wegen seiner mangelnden Wettbewerbsfähigkeit lediglich auf Platz 53 von 60 eingeordnet, nachdem das Land vor vier Jahren noch immerhin auf Platz 38 gelegen hatte. Parallel dazu ist Brasiliens Anteil am Welthandel von 1,4 Prozent im Jahr 1984 auf 0,8Prozent im Jahr 2002 zurückgegangen.

Erst musste Brasilien mit ansehen, wie die kleinen Tigerstaaten in Südostasien mit zweistelligen Wachstumsraten den Rest der Welt entzückten. "Und nun ziehen auch noch die Wale an uns vorbei", konstatierte Expräsident Fernando Henrique Cardoso vor kurzem in Anspielung auf die augenfällige Wirtschaftsdynamik Chinas und Indiens. Jim O’Neill zum Beispiel, Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs, rechnet damit, dass Brasilien erst in 50 Jahren hinter China, den USA, Indien und Japan zur fünftgrößten Volkswirtschaft aufsteigen kann. Und das auch nur, wenn es die hohe Verschuldung, die geringe Öffnung der Wirtschaft für den Außenhandel und das schlechte Investitionsklima beseitige. Ja, wenn.